Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

Supermodel Waris Dirie in St.Gallen:
«Nur Idioten foltern Frauen»

Waris Dirie wuchs als Nomadenmädchen in der Wüste auf, floh vor Zwangsheirat, war Putzfrau, Supermodel, rettet als Aktivistin Tausende Mädchen vor genitaler Verstümmelung. Jetzt wird ihr Leben zum Musical.
Julia Nehmiz

Noch nie hat das Theater St. Gallen so einen Presseaufmarsch erlebt. Fernsehkameras, fünf Fotografen, ein Dutzend Journalisten aus London, Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dem kleinen Dreispartenhaus ist ein grosser Coup gelungen. Waris Dirie, Ex-Supermodel, Ex-Bondgirl, Ex-UN-Sonderbotschafterin, seit vielen Jahren Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmelung, hat zugesagt. Ihre Lebensgeschichte, die viele Millionen als Buch oder Film kennen, kommt als Musical auf die Bühne. In St. Gallen. Für die Pressekonferenz wurden im Theatersaal der Lokremise Notenpulte und Kulissen zur Seite geräumt, hier wird gerade die Kinderoper «Cinderella» geprobt. Das passt: Waris Diries Lebensgeschichte ist eine Cinderella-Story. Und während Theaterleitung, Komponist und Texter von ihrer Arbeit schwärmen, sitzt Waris Dirie in der ersten Reihe, ihr Manager übersetzt.

Warum gaben Sie dem Theater St. Gallen den Zuschlag für diese grosse Produktion?

Waris Dirie: Um ehrlich zu sein, ich habe es gar nicht gewählt. Vor zwei oder drei Jahren wurde ich gefragt, ob aus meiner Geschichte ein Musical gemacht werden kann. Ich habe gelacht und gesagt, so ein Quatsch, denn ich habe meine eigene Geschichte so satt.

Wirklich? Weshalb?

PK Theater SG zur geplanten Musical-UA des Millionenbestsellers "Wuestenblume". Autorin Waris DirieMichel Canonica / TAGBLATT

PK Theater SG zur geplanten Musical-UA des Millionenbestsellers "Wuestenblume".
Autorin Waris Dirie
Michel Canonica / TAGBLATT

Würde Ihnen das nicht genauso gehen? Ich mag nicht über mich sprechen, ich hasse es. Ich bin es leid, ich ertrage es nicht mehr. Denn der einzige Grund, warum ich das damals öffentlich machte, war, um etwas gegen weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, kurz FGM) zu tun. Diese verfluchte Sache verfolgt mich mein ganzes Leben. Ich liebe mich, aber ich hasse diese verdammte Geschichte, verstehen Sie?

Weil Ihnen jeder immer wieder dieselben Fragen stellt?

Ja, das ist ermüdend. Aber ich akzeptiere es.

Warum braucht es dann jetzt noch ein Musical über Sie?

Wie Sie wissen, habe ich das Buch «Wüstenblume» geschrieben, es wurde verfilmt, jetzt kommt es auf die Bühne. Ich habe zugestimmt, weil ich das Gefühl habe, das Musical könnte Leute bewegen. Und wenn du Menschen bewegst, kannst du ihre Herzen und ihre Einstellung und Entscheidung zum Leben verändern. Darauf hoffe ich und das ist der einzige Grund, warum ich ja gesagt habe, sonst würde es mich einen Scheiss interessieren.

Wie ist Ihr Eindruck bislang vom Musical?

Ich bin total fasziniert. Ich kann es noch gar nicht glauben, ich hatte es völlig vergessen. Doch dann bekam ich vor zwei Wochen einen Anruf, dass ich nach St. Gallen kommen soll. Ich fragte echt, kommt das Musical wirklich Zustande? Und jetzt sind wir hier, ich finde es aufregend und kann es kaum erwarten, Teil davon zu sein und zu sehen, wie es eines Tages zum Leben erwacht.

Eine erste Kostprobe vom neuen Musical «Wüstenblume»: Sängerin Francisca Urio und Autor und Regisseur Gil Mehmert an der Gitarre performen an der Pressekonferenz einen Song. (Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Eine erste Kostprobe vom neuen Musical «Wüstenblume»: Sängerin Francisca Urio und Autor und Regisseur Gil Mehmert an der Gitarre performen an der Pressekonferenz einen Song. (Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Sind Sie eingebunden in die St. Galler Produktion?

Ja, ich möchte unbedingt involviert sein. Beim Film «Wüstenblume» hatte ich damals einfach den Vertrag unterschrieben und gesagt, macht was ihr wollt, gebt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid. Und genau so kam es. Sie haben einen grossartigen Job gemacht, der Film wurde so, wie er sein sollte, ich bin sehr dankbar. Aber als ich den Film schaute, wünschte ich, ich wäre besser involviert gewesen. Deswegen möchte ich jetzt eingebunden werden in jeden Schritt der Produktion, damit ich nachher sagen kann: Das ist meine Show.

Gehen Sie gerne ins Theater?

Ganz ehrlich: Theater ist überhaupt nicht meins. Bislang fand ich es langweilig. Ich mag Rock’n’Roll, ich liebe Musik, die Musiktheaterwelt kenn ich nicht. Aber wer weiss, jetzt werde ich mehr Musicals sehen und vielleicht Gefallen finden.

Vor über 20 Jahren machten Sie Ihre Genitalverstümmelung öffentlich und begannen gegen FGM zu kämpfen.

Ja, es ist eine lange Reise. Als ich vor 25 Jahren begann, lag die FGM-Rate bei 90 Prozent. Und ich sage Ihnen was: Heute liegt sie bei sieben Prozent.

Wie haben Sie das geschafft?

Wenn du an etwas glaubst, wenn du kämpfst, wirst du auch etwas erreichen. Sieben Prozent sind eine grosse Errungenschaft. Bin ich glücklich? Nein. Bin ich zufrieden? Nein.

Waris Dirie hofft, dass das Musical «Wüstenblume» die Herzen der Menschen bewegt.(Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Waris Dirie hofft, dass das Musical «Wüstenblume» die Herzen der Menschen bewegt.
(Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Warum nicht?

Ich will Null Prozent FGM.

Denken Sie, Sie werden das erreichen?

Oh ja, das werde ich. Ich werde noch zu Lebzeiten null Prozent sehen. Und wenn nicht, muss ich wieder aus meinem Grab zurückkehren. Lasst uns diese verdammte Hölle beenden, diesen Missbrauch der Kinder.

In Ihrem Buch «Brief an meine Mutter» beschreiben Sie die Auseinandersetzungen mit Ihrer Mutter wegen FGM. Hat sich das geändert?

Ja, sie ist jetzt Aktivistin in unserem Dorf, der ganzen Region. Sie kämpft gegen FGM, sie erzählt den Frauen, den Beschneiderinnen, dass das kriminell ist, dass sie ihre Kinder töten. Ich erinnere mich, wie ich vor meiner Mutter weinte, warum hast du uns das angetan. Und ich erreichte ihr Herz. Sie weinte, bat um Vergebung, sie habe nicht gewusst, was sie tat, sie dachte, es sei gut.

Sie müssen nicht nur Frauen und Mütter überzeugen, sondern auch religiöse Führer. Noch vor einem Jahr sagte der Islamische Zentralrat Schweiz, die Entfernung der Klitorisvorhaut sei islamisch legitim.

Wie kann man so etwas sagen. Wie kann ein Mensch so etwas Schreckliches von sich geben. Der empfindlichste, sensibelste Teil des Körpers, der wertvollste Ort des Körpers. Warum wird das gemacht? Um dir deine Macht wegzunehmen. Ich erinnere mich, wie ich als Kind weinend meine Mutter fragte, wenn Gott Frauen so sehr hasst, warum hat er sie erschaffen? Erst später erfuhr ich, nein, Gott liebt mich so. Es sind Idioten, die Frauen foltern. FGM ist ein Verbrechen, und jeder, der es praktiziert, sollte verhaftet werden. Sofort.

Sie sind so eine starke Frau. Woher nehmen Sie all Ihre Energie?

Leidenschaft. Ich habe Leidenschaft für die Welt, für das Leben, Leidenschaft und Respekt für den Planeten Erde, und deshalb fordere ich, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben.

Vor 20 Jahren waren Sie die erste und einzige, die über FGM gesprochen hat.

Ja, können Sie sich das vorstellen?

Heute gibt es weitere Frauen, die ihre Stimmen gegen FGM erheben.

Stell dir vor, du machst fünf Schritte vorwärts und dumme Idioten wie diese Frauen oder diese Religionsführer gehen rückwärts, wollen dich rückwärts bringen und behaupten, es ist ok, die Hälfte der Klitoris wegzuschneiden. Was für ein verdammt lächerlicher Scheiss ist das? Kein Gott sagt das, keine Religion sagt das, und übrigens, wer hat die Religionsbücher geschrieben? Männer. Also, behaltet den Mist doch einfach für Euch. Weil wir es nicht mehr hinnehmen werden. Wir werden es nicht akzeptieren.

Ordnet alles ihrer Mission unter: Waris Dirie. (Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Ordnet alles ihrer Mission unter: Waris Dirie. (Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Ihr Manager unterbricht – die Zeit sei um. Waris Dirie müsse zum Flughafen, und es stünde noch ein weiteres Interview an. Die 54-Jährige verabschiedet sich kurz, zwischen den Interviews merkt man, wie müde sie ist. Doch im Gespräch lehnt sie sich nach vorne, blickt einem in die Augen, lässt sich von den Abbauarbeiten der Theatertechniker um sich herum nicht aus der Konzentration bringen. Sie ordnet alles ihrem Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung unter. Deswegen hat sie die Desert Flower Foundation gegründet. Sie ist eine Frau mit Mission. Und mit vier Kindern, zu den zwei eigenen hat sie zwei Töchter ihres Bruders adoptiert, um sie vor FGM zu retten. Die Töchter sind 21 und 19, ihr ältester Sohn ist bei seinem Vater aufgewachsen, ihr jüngster Sohn ist neun. Ihr Manager erzählt, Waris Dirie lebe seit 10 Jahren in Polen, plane demnächst aber einen Umzug zurück nach Wien. Sie sei eben eine Nomadin.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.