Superhelden mit Rente im Staatsdienst

Herr Hillmann, was ist ein Superheldencomic? Er handelt von Individuen, die Dinge können, zu denen Normalsterbliche nicht fähig sind. Das macht sie für den Leser – das ist wichtig! – zu Helden.

Valeria Heintges
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Hans Christian Hillmann Medienwissenschafter an der Universität Konstanz (Bild: pd)

Hans Christian Hillmann Medienwissenschafter an der Universität Konstanz (Bild: pd)

Herr Hillmann, was ist ein Superheldencomic?

Er handelt von Individuen, die Dinge können, zu denen Normalsterbliche nicht fähig sind. Das macht sie für den Leser – das ist wichtig! – zu Helden.

Sie sprechen über «(Post)Moderne Heldenbilder. Politische Propaganda in Superheldencomics». Seit wann sind die Comics Propaganda?

Schon in den 30er- und 40er-Jahren, in der Geburtsstunde der Superheldencomics, waren sie Teil der Propagandaindustrie des Zweiten Weltkriegs. Da wurde rassistisch gegen Japaner gehetzt und wurden Deutsche als dumme Nazis dargestellt. Nach dem Krieg verschwanden die Superheldencomics aus den Regalen. Erst zwischen 1956 und 1970 kommen sie wieder in Mode, greifen gesellschaftliche Diskurse auf und transportieren das traditionelle Familienbild der USA.

Sind diese Diskurse kritisch oder bestätigen sie die herrschenden Verhältnisse?

Unterschiedlich. Der Konflikt zwischen Gegenkultur und klassischem Familienbild wird in den 70ern sehr stark. Die X-Men zum Beispiel stehen als Mutanten stellvertretend für verfolgte Minderheiten wie Homosexuelle. Es gibt langsam, aber sicher ethnisch diverse Teams und die ersten schwarzen Superhelden. Aber erst ab Mitte der 80er-Jahre wird die Debatte vollkommen offen und kritisch geführt.

Warum dauert es so lang, bis die Diskussion in Comics ankommt?

Superheldencomics waren in den USA das am heftigsten zensierte Medium überhaupt. Psychiater Fredric Wertham führte einen Kreuzzug gegen sie, sie würden zur moralischen Verrohung führen und zur Jugendkriminalität anstiften. Deshalb wurde die «Comic Code Authority» etabliert, die nur dazu da war, Regeln für die Inhalte aufzustellen und auf deren Einhaltung zu achten. Erst in den 80er-Jahren wurde diese Zensur nach und nach gelockert.

Welche Themen werden in der Gegenwart verhandelt?

Viele prangern die Änderung der Grundrechte nach 9/11 an. Etwa die «Civil War»-Serie im Marvel-Verlag. Darin müssen sich Superhelden als Massenvernichtungswaffen registrieren lassen und werden in den Staatsdienst gestellt. Manche Superhelden sagen, so eine Registrierung würde wenigstens eine staatliche Rente bringen.

Haben Sie eigentlich jahrelang nur Superheldencomics gelesen?

Ich habe zum Glück mit fünf Jahren angefangen. Da geht es.

Vortrag von Hans Christian Hillmann zu Superheldencomics, Di, 9.12., 19.30 Uhr, Hauptpost St. Gallen

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