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Ennio Morricone ist tot: Mit der Musik zum Film «Spiel mit das Lied vom Tod» wurde er weltberühmt

Ennio Morricone konnte wie kein anderer Filmkomponist Bilder durch Klänge provozieren. Gestern Montag starb er 91-jährig.

Christian Berzins
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Wer es geschafft hat, eine Melodie zu erschaffen, die die halbe Welt kennt und die Menschen ins Singen, Summen und Schwärmen geraten lässt, hat es als Komponist sehr weit gebracht. Nein, für einmal reden wir nicht von den vermeintlichen Olympiern, nicht von Beethovens 5. Sinfonie oder von Mozarts «Kleiner Nachtmusik», auch nicht einer Arie Giuseppe Verdis.

Heute spielen wir das Lied vom Tod, stimmen den Nachruf auf einen der grössten italienischen Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts an: Auf den Filmmusikkomponisten Ennio Morricone, der am 6. Juli in Rom gestorben ist. Am 10. November 1928 war er dort geboren worden. Wir reden also von einem Filmkomponisten und von einem Genre, das damals wie heute einen zweifelhaften Ruf hatte beziehungsweise hat.

Bezeichnenderweise schrieb Morricone seine ersten Filmmusiken noch unter Pseudonym, doch der junge komponierende Jazztrompeter brauchte nun mal Geld. Bald aber wurde sein Name in einem Atemzug mit jenem des Filmregisseurs genannt. Das gelang ausser vielleicht Nino Rota keinem anderen Filmkomponisten. Und es waren keine Zufallstreffer, die Morricone erzielte. Auf ihn war jahrzehntelang Verlass: Noch 2016 gewann er für die Musik für «The Hateful Eight» von Regisseur Quentin Tarantino einen Oscar.

Doch zurück zu seinem berühmtesten Western, zu Sergio Leones «Spiel mir das Lied vom Tod», zu Morricones Melodie, die sich wie tausend Schlangen in einen Menschen schleicht, die schwarzes Gift ins Blut fliessen lässt, die aber so süss wie Nektar klingt: Die Mundharmonika war perfekt, um von Hitze, Staub, Kakteen, Erotik und dem Tod zu erzählen.
Die verzerrten Klänge, dieses Auf und Ab, dieses Dehnen und grässliche Spannen drückte besser als jedes Bild die Gefahr aus, die da in der Steppe lauerte. Und wie die Helden selbst, suchten sich die Töne einen Weg, aber jeder weiss: Das führt zu nichts. «Senza misura», «Ohne Takt», ist die besagte Stelle von Morricone komponiert: ohne Halt, ohne Rahmen.

Ikonografische Bilder, legendäre Musik: Sergio Leones und Ennio Morricones Film «Spiel mir das Lied vom Tod».

Ikonografische Bilder, legendäre Musik: Sergio Leones und Ennio Morricones Film «Spiel mir das Lied vom Tod».

Alamy / www.alamy.com

Für eine Handvoll Lire Trompete im Nachtklub spielen

Wie der Vater spielte Ennio Trompete, ging mit zwölf ans Konservatorium, studierte dort alsbald auch Komposition und Orchestrierung. Immer wieder mal trat der Trompeter in Nachtlokalen auf, bald arrangierte er Schlager und begann schliesslich für das Radio und das Fernsehen zu arbeiten. Nun kommt er mit Tenor Mario Lanza in Verbindung, dem Andrea Bocelli von einst. Er arrangiert für ihn Lieder, erkennt, was Hollywood ist und sein kann. Lanza spielt dort Film um Film ein. Und alsbald komponiert Morricone ebenfalls die Musik für einen ersten Film. Drei Jahre später arbeitet er mit Sergio Leone, die zwei ergänzen sich perfekt. Der Spaghetti-Western verdankt seinem Namen nicht nur Leone und seinen Regie-Kollegen und anderen Regisseuren, sondern eben auch der Musik Ennio Morricones.

Wie viele berühmte Themen oder Motive ist Morricones Mundharmonika-Hauptthema sehr kurz und wird doch so dominant, dass der Hauptdarsteller bisweilen nicht mal sichtbar werden muss, um dem Umfeld klarzumachen: Jetzt knallt es, der Rachesturm kann starten, Charles Bronson gegen Henry Fonda ins Feld ziehen, «Spiel mir das Lied vom Tod» (1968) kann seinen Lauf nehmen.

Man stelle sich vor: Als Regisseur Sergio Leone begann, mit seinen Schauspielern zu arbeiten, war die Musik bereits fertig. Leone inszenierte folglich zur Musik. Kein Wunder, wurde dem Film vorgeworfen, er sei wie eine Oper. Morricone hatte die Personen bereits charakterisiert. Im Gespür für die Dramaturgie wurde Morricone ein Mozart des 20. Jahrhunderts: Seine Musik gab bereits vor, was der Regisseur zu bebildern hatte.

Paradiesische Schönheit und dunkle Nostalgie

So radikal präzis das Mundharmonika-Thema, so horizontweit ist jenes der weiblichen Hauptfigur Jill, gespielt von Claudia Cardinale: Voller paradiesischer Schönheit und dunkler Nostalgie, kein Auge bleibt trocken, wenn es anklingt. Hier wird Filmmusik zu spätromantischer Oper mit Hollywood-Touch.

«Ennio vermag mit seiner Musik Dinge auszudrücken, die sonst in Bildern hätten dargestellt werden müssen», betonte Regisseur Leone immer wieder. Zurecht: Morricones Musik ist Bild geworden. Es ist kein Sound, kein poliertes Sounduniversum wie die moderne Filmmusik, die auf Bilder reagiert, sie gross und grösser machen will. Morricone war aber nicht nur Komponist, sondern auch Klangforscher. Von John Cage, dem einflussreichsten Musik-Fantasten des 20. Jahrhunderts, hatte Morricone gelernt, dass Musik mehr als ein paar Streichertremoli sein kann. Ein Windrad konnte in einem Film genauso einen dramatischen Effekt auslösen. Oft ebneten Geräusch-Collagen den Weg zur Melodie.

Der Einfluss von Cage war kein Zufall. Morricone war Mitglied einer Improvisationsgruppe, beschäftigte sich mit der Zwölftonmusik, war früh beeinflusst von Avantgardist Luigi Nono. Aber ähnlich wie später Pianist Ludovico Einaudi schwenkte Morricone um. Er vergass die Wurzeln nicht, aber suchte das Tonale, den klanglichen Schmus auch, die Schönheit. Morricone war längst nicht der einzige grosse Komponist, der Filmmusik schrieb.

Als Hollywood in den 1930er-Jahren aufzublühen begann, komponierten zahlreiche grosse Komponisten, vor allem Emigranten, für die Traumfabrik: Der Wiener Opernkomponist Erich Wolfgang Korngold war wohl der genialste, aber vor allem Max Steiner («Vom Winde verweht») und der Ungare Miklos Rozsa («Ben Hur») wurden berühmt. Roszas Kompositionen erschienen, dirigiert von ihm selbst, bei keinem geringeren Label als bei Decca.

Ennio Morricone war viel mehr als ein Filmkomponist.

Ennio Morricone war viel mehr als ein Filmkomponist.

Hayoung Jeon / EPA

In Russland schrieb Dmitrij Schostakowitsch neben seinen Weltuntergangssinfonien auch Musik für Filme, musste seinen Titel als «Held der sozialistischen Arbeit» verdienen. In Frankreich waren es Georges Auric oder der Schweizer Arthur Honegger, in Italien neben Morricone etwa Henry Mancini und Nino Rota. Wie Rota komponierte auch Morricone zahlreiche Werke fern der Filmmusik, darunter 2015 auch eine Messe für Papst Franciscus. Kein Geringerer als Dirigent Riccardo Muti würdigte gestern Morricone bewundernd als grossen Komponisten.

Morricone komponierte die Musik für 500 Filme, nur ein Bruchteil von ihnen waren (Spaghetti-)Western: Er lieferte auch die Musik für Pier Paolo Pasolini («Grosse Vögel, kleine Vögel», 1965), für Bernardo Bertolucci («Novecento», 1976) oder Giuseppe Tornatore («Cinema Paradiso», 1988, oder «Novecento», 1998). Weltberühmt wurde seine Musik zu Teilen der Serie «Allein gegen die Mafia», aber auch die Klänge für «The Untouchables», 1987.

500 Filme, 70 Millionen Aufnahmen, zwei Oscars


Später ging Morricone oft auf Tournee, dirigierte seine Musik in Stadien und Konzertsälen, nebenher verkaufte er 70 Millionen Aufnahmen und gewann Preise noch und noch, 2016 gar den Oscar, den Ehrenoscar schon 2007.

Am meisten verehrt und bejubelt wurde Morricone in Italien. Die Amerikaner hatten keine Chance, ihn aus Italien zu entreissen, nicht mal eine Gratis-Villa konnte ihn überzeugen. Er blieb in Rom, wollte seine Pasta zu Hause essen, lernte nie englisch. So habe die Musik des «Genies» Morricone massgeblich zur Verbreitung und Stärkung des Prestiges Italiens in der Welt beigetragen, fand Sergio Mattarella, Präsident der Italienischen Republik.

Bereits am Montag twitterte der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte: «Wir werden uns mit unendlicher Dankbarkeit immer an das künstlerische Genie dieses Meisters erinnern. Es hat uns mit seinem unvergesslichen Werk zum Träumen und Nachdenken gebracht, das in der Geschichte der Musik und des Kinos unauslöschlich bleiben wird.»