Sucht und Sehnsucht

Muse Morgen erscheint das sechste Album der britischen Band. Zwei Songs hat Bassist Chris Wolstenhome (33) beigesteuert. Um von seinem Entzug zu erzählen. Reinhold Hönle

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Chris Wolstenhome, wie kommt's, dass der Album-Opener «Supremacy» klingt, als hätten Muse nach dem offiziellen Olympiasong nun auch den Titelsong des neuen James-Bond-Films geschrieben?

Chris Wolstenhome: Als wir im Studio die Demos anhörten, die ich und Matt Bellamy mitgebracht hatten, weckte seine Rohfassung von «Supremacy» in mir dieselben Gefühle wie Paul McCartneys rockiger und dramatischer Bond-Song «Live And Let Die». Ich mag, dass auch unser Lied aus total verschiedenen Abschnitten besteht. Teils tönt es wie langsamer, dreckiger Metal, dann folgt die schöne und traurige orchestrale Strophe und die verrückte Mitte, die nach dem Bond-Song der Wings klingt.

Und was bedeuten Ihnen «Save Me» und «Liquid State»?

Wolstenhome: Diese Songs sind etwas Besonderes. Sie sind die ersten beiden Lieder, die ich für Muse geschrieben habe und bei denen ich die Leadvocals singe. In «Save Me» geht es darum, was es mir bedeutet, Menschen um mich zu haben, die auch dann für mich da waren, obwohl ich schlechte Dinge getan hatte. Sie konnten mir vergeben und halfen mir, eine bessere Person zu werden.

Ist diese Ballade entstanden, als Sie sich von Ihrer schweren Alkoholsucht lösten?

Wolstenhome: Ja. Nachdem ich den Entzug überstanden hatte, musste ich meinen Alltag anpassen. Das war eine sehr harte Zeit. Ich musste mich an ein komplett anderes Leben gewöhnen. Um das zu meistern, stürzte ich mich in die Musik. Ich konzentrierte mich vor allem auf das Texten, was ich davor noch nie getan hatte. Ich hatte erstmals das Gefühl, dass ich etwas mitzuteilen hatte.

Was hat Sie bewegt?

Wolstenhome: Es war sehr verwirrend, nach vielen Jahren der Abhängigkeit plötzlich aufzuwachen und sich mit der Aussicht auf ein anderes Leben konfrontiert zu sehen. Unterdessen ist mir klar: Wenn ich bis ins Alter ein glückliches und gesundes Leben führen will, muss ich auf das verzichten, worauf ich lange Zeit angewiesen war.

Das neue Muse-Album heisst «The 2nd Law». Weshalb?

Wolstenhome: Es geht um das zweite Gesetz der Thermodynamik. Die Theorie besagt, dass Energie in einem isolierten System nicht von einem Ding zu einem anderen übertragen werden kann, ohne Energie zu verlieren. Daher nimmt die Energie langsam ab und erreicht nach einer Weile null. Im Album geht es darum, wie wir dagegen kämpfen, dass vieles zu Bruch geht. Der Planet, der menschliche Körper. Die Finanzkrise ist ein gutes aktuelles Beispiel. Wie schützt sich der Mensch gegen die Auswirkungen? Die Liebe ist der Rettungsanker.

Im vergangenen Januar sind Sie zum sechstenmal Vater geworden. Sind Sie ein Optimist?

Wolstenhome: Sechs Kinder zu haben, ist ziemlich verrückt – und trotzdem grossartig. Meine Frau und ich wollten einst nur vier. Sechs sind also bereits zwei extra! (lacht) Wir werden es wohl dabei bewenden lassen – in unserem hohen Alter! (lacht)

Weshalb kehrten Sie 2011 nach London zurück, nachdem Sie 2010 nach Dublin gezogen waren, um mehr Privatsphäre zu haben?

Wolstenhome: Ich wollte, dass erstmals die ganze Band am gleichen Ort wohnt. Dom und Matt hatten ihre Apartments bereits in London. So konnten wir tagsüber arbeiten und abends bei den Familien sein. Weil es noch dieses Leben ausserhalb des Studios gab, war die Motivation grösser und die Konzentration höher. Wir hatten auch mehr Distanz zu den Liedern, was eine objektivere Beurteilung ermöglichte.

Und wie kam es, dass Sie den offiziellen Song zu den Olympischen Spielen in London liefern konnten?

Wolstenhome: Als wir eingeladen wurden, ein Lied vorzuschlagen, hatten wir den Song «Survival» schon geschrieben. Er handelt vom Gefühl, das man hat, wenn man an einem Wettkampf teilnimmt, und vom Wunsch, das Beste zu geben und zu gewinnen. Es war absolut einmalig, dass die Wahl auf unser Lied fiel.

Obwohl der Song musikalisch progressiv und wenig kommerziell ist.

Wolstenhome: Wir waren auch überrascht. Bei globalen Sportveranstaltungen sind die offiziellen Lieder meist sehr gekünstelt und kitschig, ganz nach dem Motto: «Die ganze Welt kommt zusammen und wir lieben uns alle…» Vielleicht wurde «Survival» gerade deshalb gewählt, weil der Song anders ist. Es gibt zwar Leute, die ihn hassen, aber man wird ihn so wenigstens nicht vergessen.

Der Song hat auch etwas von «Barcelona», den Ihr Idol Freddie Mercury geschrieben hat.

Wolstenhome: «Survival» hat mit dem grössten Olympia-Song aller Zeiten zumindest gemeinsam, dass beide nicht extra für die Olympischen Spiele geschrieben worden sind.