Suche nach der Mutter

Belles Lettres

Dieter Langhart
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Ist es ein Roman, eine Biografie, eine Dokumentation? «Sie kam aus Mariupol» ist all das, liest sich spannend wie eine Kriminalgeschichte – Natascha Wodin gewann damit den Preis der Leipziger Buchmesse. Es ist eine bestürzende, eine bewegende Spurensuche – die Suche nach der Mutter. Natascha Wodin kam 1945 in Deutschland zur Welt, als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter, die von den Nazis aus der Ukraine verschleppt worden waren. Von ihrer Mutter, die 1956 ins Wasser gegangen war, wusste Wodin kaum mehr als, eben, den Geburtsort. «In meiner Erinnerung war sie nur ein Schemen, mehr ein Gefühl als eine Erinnerung.»

Sie gibt den Namen der Mutter in eine russische Suchmaschine ein – und wird fündig. Ein Stammbaumforscher hilft ihr, sie stösst auf die Lebenserinnerungen ihrer Tante, Stück für Stück wird eine faszinierende Verwandtschaft erkennbar – am wenigsten aber erfährt Natascha Wodin über ihre Mutter, die den Bürgerkrieg, Stalins Säuberungen, die Hungerkatastrophe in der Ukraine und den Weltkrieg erlebt hatte. Geschickt verwebt Wodin Fakten und Fiktion zu einer grandiosen – und unendlich traurigen Familiengeschichte.

Dieter Langhart

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol. Rowohlt 2017, 365 S.