Subversive Idylle

Humorvoll In seinem neuen Roman sucht Andreas Müller nach den dunklen Seiten des Bauernmalers Albert Anker – und findet fiktive Bilder.

Hans Keller
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Hatte Albert Anker garstige Seiten? Wohnten gar zwei Seelen in seiner Brust? Sambal Oelek erinnert sich zu Beginn seines Romans an ein ungewöhnliches Anker-Bild, das im Haus des Grossvaters hing. Es outete den Genre-Idylliker als aufgeschlossenen Zeitgenossen, denn das Bild habe, so Oelek, Schüler auf einem Bahnperron gezeigt, hinter denen eine Dampflokomotive vorbeibraust. Oelek forscht nach dem Verbleib des Bildes und es verdichtet sich bei der spannenden Spurensuche der Verdacht, dass noch andere dubiose Anker-Werke existieren, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Zusammen mit Andreas Müller, einem Spezialisten für historische Architektur, beginnt eine Recherche.

Doppeltes Spiel

Oelek ist Müller ist Oelek – der Autor spaltet kunstvoll die eigene Persönlichkeit und lässt die beiden Charaktere miteinander arbeiten, diskutieren, streiten. Andreas Müller alias Sambal Oelek wurde 1945 geboren, studierte Architektur und war längere Zeit Linksaktivist. Wichtige Stationen waren die Bildgeschichten «Der Sprayer von Zürich», «Dufour» und «Stockalper». In opulenten Kreide-Panels wird die Doppelmoral grosser Persönlichkeiten beleuchtet. Seine Bildsprache ist phantasievoll-surreal: Gegenstände mutieren zu Gesichtern, Strassen enden als Schlangen.

Ist nun Anker ein gefundenes Fressen für Oelek/Müller? Das Werk des Seeländer Naturalisten weist kaum dunkle Flecken auf. Anker umging die stossenden sozialen Themen seiner Zeit. Während beispielsweise der führende Revolutionsmaler Gustave Courbet in die Schweiz floh und fast nur noch eklige Stillleben mit aufgehängten Fischen und Ähnlichem malte, hinterliess das explosive Zeitgeschehen in Ankers Gemälden keinerlei Spuren.

Die Recherche und die Bilder

Oder doch? Die deftigen Triebe, die in Anker wie in jedem anderen Menschen rumorten, wären hinter seinem properen Werk versteckt geblieben, hätten sich Oelek/Müller nicht auf die Suche gemacht. Ihre Recherche nach dem subversivem Anker beginnt auf dem Dach der Zürichsee-Villa des Anker-Sammlers Christoph B. – ein Holzweg. Ihre Suche führt sie weiter nach Lausanne, Bern und schliesslich in die psychiatrische Klinik Rheinau, weil die subversiven Anker-Werke einer geisteskranken Malerin zugeschrieben wurden.

Dem buchstäblich feurigen Showdown entsteigen die gesuchten Pastelle schliesslich als leicht angekohlte, ansonsten aber unversehrte Phönixe. So kann beispielsweise die Variante zum Haare flechtenden Mädchen gerettet werden. Auf dem Pastell schnippelt sie rücksichtslos, aber kunstsinnig mit der Schere am Zopf herum, dessen Haarteile als befreite Schmetterlinge davonflattern. Auch Pikantes findet sich, wie «Der Tätowierer», auf dem ein Dorfschneider der Anker-Tochter Marie Zöpfe auf den nackten Rücken tätowiert. Wer hätte dem Idylliker so viel subversiv-revolutionäre Energie und erotische Phantasie zugetraut? Oder flunkern uns Oelek/Müller etwas vor?

Sambal Oelek/Andreas Müller: Albert Anker reloaded, Rotpunktverlag, 216 Seiten, Fr. 49.– Buchvernissage: morgen Di, 20 Uhr, Cabaret Voltaire, Zürich

«Mädchen, die Haare flechtend»: In Andreas Kellers Neuinterpretation von Albert Ankers Bild wird der Zopf zu Schmetterlingen. (Bilder: pd)

«Mädchen, die Haare flechtend»: In Andreas Kellers Neuinterpretation von Albert Ankers Bild wird der Zopf zu Schmetterlingen. (Bilder: pd)

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