Sturmregen, Dinos und Kafkatänzer in Liberec

Ankunft bei Sturmregen, die Hügel in Nebel getaucht. Nirgendwo in Mitteleuropa regne es häufiger als hier, man nennt Liberec auch den «Pisspott Europas». Hätten wir wissen können, wenn wir Jaroslav Rudiš' Roman «Grand Hotel» vor und nicht erst nach der Reise gelesen hätten.

Marcel Elsener
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St. Galler Kultur, in Liberec beworben neben Karel Gott. (Bild: Marcus Schäfer)

St. Galler Kultur, in Liberec beworben neben Karel Gott. (Bild: Marcus Schäfer)

Ankunft bei Sturmregen, die Hügel in Nebel getaucht. Nirgendwo in Mitteleuropa regne es häufiger als hier, man nennt Liberec auch den «Pisspott Europas». Hätten wir wissen können, wenn wir Jaroslav Rudiš' Roman «Grand Hotel» vor und nicht erst nach der Reise gelesen hätten. Und: Liberec sei eine Stadt, «gefangen von Bergen und von Vergangenheit, umzingelt von Zeit und Angst». Immerhin haben wir im Auto, stop and go in Prag, flugs einige Wörter Tschechisch gelernt, dobrý den, guten Tag, und pivo für Bier, das hat uns noch die tschechische Barfrau im «Bueno Onda» nachgerufen.

Heiner Müller im Kino Warschau

Wir sind, als Viererbande unter dem Theater-am-Tisch-Banner, angereist, um im ehemaligen Kino Varšava (Warschau) unsere Heiner-Müller-Textcollage mit Stromgitarren aufzuführen. Die Kulturbeauftragten der Region Liberec hatten sich in St. Gallen Empfehlungen geben lassen, Marcus Schäfer und seine Off-Theaterprojekte waren eine davon; die Wahl fiel auf den ostdeutschen Theaterautor, der den Tschechen im Grenzdreieck etwas sagte und vor allem auch Rudiš interessierte, den Schriftsteller und Anführer der Kafka Band, Zugpferd an unserem Abend. Nebst Schäfer in der szenischen Lesung wieder an Bord: Regisseur und VJ Stefan Kraft und zwei Rockgitarristen, Peter Lutz und der Schreibende.

Unsere Erwartungen sind gespannt, vorab auf den Kinosaal, aber tief, was das Publikum angeht: Wer würde sich in einer nordtschechischen Provinzstadt eine anspruchsvolle deutsche Lesung anhören? Wer ausser ein paar beflissenen Beamten und Germanisten? Anderseits hat die Facebook-Veranstaltung 95 Anmeldungen aus Studentenkreisen, wenn das hier was gilt…

Einchecken im ehrwürdigen Vierstern-Palast Zlatý Lev, Goldener Löwen, mittlerweile ein Grand Hotel der Clarion-Kette, es ist uns etwas zu viel der Ehre. Herzlicher Empfang durch Petr Vondrich, regionaler Kulturbürochef und prima Betreuer. Er erzählt im Rathauskeller bei Gulasch, Knödeln, fritierten Fischchen und tollem Bier aus der Chronik der Stadt, die lange Reichenberg hiess und deutsch geprägt war. Mitteleuropäische Geschichte wie im Brennglas. Vondrich listet die Highlights seiner bisherigen Schweizer Kulturreihe auf, etwa ein Filmprogramm mit Peter Liechtis «Vaters Garten» – «interessante, aber harte Kost». Ortserkundungen in einer Stadt, die eine vage Ähnlichkeit mit St. Gallen hat, schon wegen der Randlage in hügeliger Umgebung. Wie die HSG liegt der Campus der Technischen Universität mit 9000 Studenten fernab des Zentrums. Der Glanz der böhmischen Regierungsstadt hat unter den Verheerungen des Kriegs und der Sowjet-Besatzung gelitten. Zerfallende Altbauten, unfertige Quartiere, aufgerissenes Kopfsteinpflaster erinnern Schäfer an seine Studiumsstadt Weimar in den 1990ern.

Beni Bischof und Kafka Band

Einheimischenkontakt an einer endlosen Wohnungsparty von Architekturstudenten, mit Raucherauslauf auf ein Garagendach im Hinterhof. In der verrauchten Stereo-Bar dürfen wir YouTube-DJ spielen und beschallen die Nachtvögel mit Punkklassikern. Lobenswert die Werbung: Die Stadt ist voller Plakate für Beni Bischofs Ausstellung und unser Konzert mit der Kafka Band. Bischof in der Galerie «Die Aktualität des Schönen» könnte in ihrer schrillen Skurrilität zwischen Dino Park und Fitnessclub witziger nicht plaziert sein. Tatsächlich weiss man in der pompösen Shopping Mall nicht, wo die Kunstwelt des schamlosen Rheintalers beginnt und wo sie aufhört. Auf der Rolltreppe unterm Flugsaurier erspähen wir eine grell gestylte Frau mit Handtaschenhündchen, das aus BB's Endlosschlaufe der Hässlichkeiten entsprungen scheint.

Im grossartigen Varšava – das Foyer mit Café schick renoviert, der Kinosaal roh mit Backsteinmauern und Erdboden – wird alles viel besser als erwartet, zu verdanken der phantastischen Kafka Band mit Rudiš als Erzähler von «Das Schloss», aber auch den herzlichen Lokalbetreibern, wie dem 2,07-Meter-Riesen Ondrej Pleštil, gemäss Bond-Bösewicht «Beisser» genannt, und dem charmanten Petr Hubácek, der uns Verstärker besorgt hat. Überraschung: Ein alters- und szenenmässig bunt gemischtes Publikum von gut 150 Personen hört uns Wort für Wort für Gitarrenfigur sehr aufmerksam zu. Und sogar der joviale Schweizer Botschafter, ein schillernder Oberwalliser, den die Bischof-Schau schockiert hat, klopft uns auf die Schulter.

Rudiš diese Woche in St. Gallen

Hernach trinkseliger Austausch mit den Kafkamusikern, darunter Jaromir 99, der die prächtigen Illustrationen zeichnet und mit Rudiš die Graphic Novel «Alois Nebel» verfasst hat. Schliesslich Tanz bis früh morgens mit zwei berüchtigten DJs vom Theater Liberec, die gnadenlos 90er-Hits spielen, bis das letzte Mauerblümchen und der verkrampfteste St. Galler tanzt.

Der «Nebel»-Film wird morgen im Beisein von Rudiš im St. Galler Kinok gezeigt; heute liest der Autor in der Hauptpost. Wir werden selbstverständlich da sein, wir können alle Werke von Rudiš & Co nur empfehlen. Ebenso wie die Kulturreise nach Liberec, auf manche Attraktion mussten wir verzichten, es hat ja dauernd geregnet, im freundlichen «Pisspott».