Sturer Ästhet und ein Pionier

Das Fotomuseum Winterthur präsentiert die erste umfassende Retrospektive von Paul Strand (1890–1976) in Europa. Der Amerikaner war einer der grössten Fotografen des 20. Jahrhunderts und zeitlebens politisch sehr engagiert.

Florian Weiland
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Das Bild «Die Familie» von 1953 hatte für den Fotografen Paul Strand immer eine besondere Bedeutung. (Bild: Estate of P. Strand)

Das Bild «Die Familie» von 1953 hatte für den Fotografen Paul Strand immer eine besondere Bedeutung. (Bild: Estate of P. Strand)

WINTERTHUR. Im Frühjahr 1953 verbringt der damals 63jährige Paul Strand zusammen mit seiner Frau Hazel fünf Wochen in Luzzara, einem Provinznest in der Po-Ebene. Dem amerikanischen Fotografen ging es darum, eine «ganz normale Stadt» zu fotografieren.

Luzzara besitzt keinerlei Sehenswürdigkeiten. Es ist ein langweiliger, vollkommenen belangloser Ort, von der Landwirtschaft geprägt und immer wieder, wenn der nahe Fluss Hochwasser führt, von Überschwemmungen bedroht.

Elend unter dem Faschismus

Strand fotografiert den Alltag der einfachen Menschen, die sich nur langsam von dem erlittenen Elend unter der faschistischen Herrschaft und dem Krieg erholen. Eindringliche Porträts entstehen. Sie werden später gesammelt in dem Buch «Un Paese» erscheinen, einem der wichtigsten und wegweisenden Fotobücher Strands. Am liebsten fotografiere er Menschen, gestand Strand einmal, «in deren Gesichter sich Stärke und Würde ausdrücken; was immer sie erlebt haben, sie liessen sich davon nicht unterkriegen».

Zu den bekanntesten Bildern zählt das Porträt einer Familie. Fünf Söhne mit ihrer Mutter. Der Vater fehlt – er war Kommunist und wurde wegen seiner politischen Gesinnung zu Tode geprügelt. Die Aufnahme hat für Strand einen besonderen Stellenwert. Der Fotograf ist von der Unmenschlichkeit des Kapitalismus überzeugt.

Biographie mit Widersprüchen

Paul Strand ist ein vehementer Anhänger linker Ideologien und ist im Amerika der McCarthy-Ära deswegen selbst zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt. Er wird vom FBI beschattet, seine Bewegungsfreiheit – man nimmt ihm für vier Jahre seinen Pass – wird massiv eingeschränkt. Trotz allem ist Strand ein amerikanischer Patriot – nicht der einzige Widerspruch in seiner Biographie.

Ähnlich widersprüchlich ist auch das Werk des Amerikaners, das zwischen puristischer Ästhetik und sozialer Dokumentation wechselt. Auf der Grundlage der Neuerwerbung von 3000 Abzügen, die das Philadelphia Museum of Art vor kurzem gemacht hat, zeichnet die Ausstellung «Paul Strand – Fotografie und Film für das 20. Jahrhundert» im Fotomuseum Winterthur die Entwicklung Strands während sechs Jahrzehnten nach. Es ist die erste umfassende Retrospektive des Künstlers in Europa.

Am Anfang stehen die avantgardistischen Aufnahmen aus den 1910er-Jahren. Inspiriert vom Kubismus und gefördert von Alfred Stieglitz widmet sich Paul Strand der fotografischen Abstraktion. Der junge Fotograf experimentiert mit Weichzeichnerlinsen, Gummidruck und vergrösserten Negativen. Ab 1915 beginnt der 1890 geborene Künstler seine Heimatstadt New York mit der Kamera zu erkunden. Paul Strand wird zum Fotografen des Grossstadtlebens.

Er überrascht mit ungewöhnlichen Blickwinkeln und fotografiert von hohen Gebäuden und Brücken. Die Menschen auf der Wall Street wirken verschwindend klein im Vergleich zu der sie umgebenden Architektur. Mit einem an seiner Kamera befestigten Prismensucher gelingt es ihm, Menschen unbeobachtet zu porträtieren. Strands auf diese Weise entstandene Strassenporträts – etwa die Frau, die ein Schild mit der Aufschrift «Blind» um den Hals trägt – prägen sich, einmal gesehen, unwiderruflich ein. Sie gehören zu den wichtigsten fotografischen Dokumenten des amerikanischen Modernismus und sind ein erster Höhepunkt der Ausstellung.

Von der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren stark getroffen, wendet sich Strand immer mehr dem Film zu. «Redes» und «Native Land», die im Fotomuseum in Ausschnitten zu sehen sind, (1942) erzählen vom Kampf der Gewerkschaften und zeugen von Strands grossem politischen Engagement. Ebenfalls gezeigt wird Strands erster Kurzfilm «Manhatta» aus dem Jahr 1921. Eine Grossstadtsymphonie, die New York gewidmet ist, und zugleich ein hochgradig formaler Künstlerfilm.

Bilder, die längst Ikonen sind

Die Ausstellung präsentiert zahllose Klassiker – Bilder, die längst zu Ikonen geworden sind. Die Fotografie müsse, war Strand überzeugt, die Präsenz eines Menschen anderen so vermitteln, dass es gar nicht mehr erforderlich sei, ihn persönlich zu kennen.

Wesentliche Impulse findet Strand auf seinen Reisen. Er fotografiert in Mexiko und lernt die dort herrschende Armut kennen. Strand begeistert sich fortan für die Ideen des Kommunismus. Aber auch sein Verständnis von der Macht der Bilder ändert sich grundlegend. Strands Filme und Fotografien tauchen tief in die sozialen und politischen Konflikte ein. Er ist besessen von der Idee eines gesellschaftlichen Wandels durch die Kunst.

Nach 1945 widmet sich Strand hauptsächlich seinen Fotobüchern, mit denen er einzufangen versucht, worin die Besonderheit eines Ortes liegt und was die dort lebenden Menschen prägt. Er stirbt 1976, mit 85 Jahren. In seinen letzten Schaffensjahren fotografiert er häufig seinen Garten. Die Ausstellung schliesst mit einer Reihe seiner lyrischen Stillleben. Diese Aufnahmen greifen Strands meditative Auseinandersetzung mit der Natur aus den 1920er-Jahren wieder auf. Der Kreis schliesst sich.

Bis 17. Mai, Fotomuseum Winterthur; Di–So 11–18, Mi bis 20 Uhr.