STRASSENMUSIK: Eine Idee, ein Velo und ein Saxofon

Der Rheintaler Saxofonist und kantonale Kulturpreisträger Peter Lenzin ist bekannt für Experimente. Im Mai hat er sich gleich selbst zum Kunstgegenstand gemacht und mit seinem Velo und seinem Saxofon Apulien zu erobern versucht.

Michael Hasler
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Nicht als Tourist, sondern als Peter wolle er Apulien bereisen, steht auf dem Plakat an Peter Lenzins Velo. Seine Musik soll dabei eine Brücke sein. (Bilder: Privat)

Nicht als Tourist, sondern als Peter wolle er Apulien bereisen, steht auf dem Plakat an Peter Lenzins Velo. Seine Musik soll dabei eine Brücke sein. (Bilder: Privat)

Michael Hasler

Lehrpersonen und ihre Bildungsurlaube. Für Schulbehörden bedeutet das nicht selten zähe Annäherungsversuche bei der Umsetzung. Erstaunlich also, dass der Reiz von Peter Lenzins Idee von seiner Arbeitgeberin, der Musikschule St.Gallen, rasch erkannt wurde. Denn jener hatte sich bei einem Auftritt mit dem Musiker und Publizisten Flurin Caviezel inspirieren lassen, einzig mit seinem Velo und seinem Saxofon die italienische Provinz Apulien erobern zu wollen. «Die Idee fand ich grossartig, aber ich war auch skeptisch. Ich bin in etwa der unfitteste Velofahrer der Ostschweiz und sprach wenig Italienisch», erinnert sich Lenzin. Doch der Rheintaler, der zusammen mit seinem Bruder Enrico zu den beständigsten Kulturinnovatoren des Tals zählt, liess sich auf die Challenge ein. Er besuchte Italienischlektionen, arbeitete an seiner Form und lernte bei einem Velomechaniker, wie man allfällige Defekte beheben könnte.

Ein Jahr Vorbereitungszeit hatte er sich für sein Kunstprojekt gelassen. Wobei die Zeit vor allem ab Anfang des Jahres zu rasen schien. Denn Lenzins erste Solo-CD «Love&Life» startete gerade ziemlich durch. Radio Swiss Jazz nahm gleich fünf Songs in die Rotation auf und auch Swiss Groove spielte seine Kompositionen regelmässig. «Mir gelang es zudem relativ rasch, 15 Konzerte mit meinem neuen Programm spielen zu können», schwärmt Lenzin. Der Mut zum Alleingang führte ihn zuletzt gar ans Festival da Jazz in St.Moritz. «Bei einer Musicalproduktion hatte ich Festivaldirektor Christian Jott Jenny kennen gelernt, dann lange nichts gehört und plötzlich kriegte ich eine Mail und war engagiert. Im Leben geht es um Begegnung. Nie ist mir das so klar geworden wie in diesem Jahr», sinniert der Musiklehrer.

Anfang Mai schliesslich verabschiedete sich Lenzin von seiner Familie. «Ich hatte nur mein Velo und mein Sopransaxofon bei mir sowie das Nötigste an Kleidung. Als ich in Foggio am Bahnhof stand, fühlte ich mich zuerst verloren», gesteht er. Ein Gefühl, das ihn während der Reise nie mehr beschlich.

Die Geschichte ist noch nicht fertig erzählt

Bereits am ersten Abend entdeckte der Barkeeper in seinem Hotel das Saxofon. Lenzin spielt einige Melodien und schon fand er sich übernächtigt an einer Feier wieder, bei der er den angehenden Bräutigam bei dessen Brautwerbungsritual musikalisch begleitete. «Es war der Anfang eines Flusses, der mich trieb und von dem ich mich treiben liess», blickt er zurück. Die Menschen des Südens liessen sich praktisch Abend für Abend vom Rheintaler Strassenmusiker verführen. Mal spielte er zusammen mit einem Barbesitzer, der kurz entschlossen sein Schlagzeug herschleppte. Manchmal musizierte er in Hinterhöfen, manchmal solo, manchmal in Gruppen. Zuweilen hörten ihm Menschen am Meer zu, er spielte an Strassen, landete in einer Velo-Demonstration oder begegnete einem wunderbar-verschrobenen holländischen Fluglotsen. Aber stets wurde er in dem bestärkt, was er tat.

«Auch Flurin Caviezel hatte mir bei seinen Schilderungen nicht versichern können, ob es in Apulien eine Tradition für Strassenmusiker gäbe und wie die Polizei reagieren werde. Ich hatte Glück und kein einziges Mal ein Problem», erzählt der Familienvater. Und was wird nach 30 Tagen, an denen er jeweils 50 bis 70 Kilometer auf dem Velo abspulte, zwei Dutzend Konzerte spielte und unzählige Menschen nicht nur streifte, bleiben? «Natürlich die Menschen. Und das Gefühl, dass ich unbedingt wieder hierher zurück muss. Spätestens in ein bis zwei Jahren. Diese Geschichte ist noch nicht fertig erzählt», schiesst es aus ihm heraus. Und dann korrigiert er sich doch nochmals: «Es gab diesen einen Feiertag, an dem ich während Stunden der einzige Mensch auf den Strassen war. Ich fuhr inmitten einer wunderbaren Naturkulisse, völlig allein. Das war vollkommen.»