Story voller Strudel

Krimi Zum drittenmal lässt Martin Suter seinen Privatdetektiv von Allmen einen vertrackten Fall lösen. Das unterhält bestens.

Peter Mohr
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«Sechzig Jahre lang hält sie das Bild versteckt, und jetzt wird es ihr gestohlen. Welche Ironie des Schicksals.» Die Rede ist von der beinahe 100jährigen Multimillionärin Dalia Gutbauer und einem wertvollen Dahliengemälde. Zum drittenmal schickt der Schweizer Bestsellerautor Martin Suter Johann Friedrich von Allmen, den gebildeten, kunstsinnigen und leicht versnobten Privatdetektiv, auf Ermittlungstour. Er soll mit seinem Adlatus Carlos und dessen neu hinzugekommener Lebensgefährtin Maria Moreno ein aus einer streng separierten Hoteletage gestohlenes Gemälde von Henri Fantin-Latour (1836–1904) wiederbeschaffen. Diskret und ohne Einschaltung der Polizei, das ist die Bedingung der betagten Auftraggeberin Dalia Gutbauer.

Die zweite Dalia

Das Bild begleitete die Seniorin mehr als 60 Jahre, das schönste Blumengeschenk, das ihr je ein Mann gemacht hat. Nach und nach erschliessen sich Allmen abenteuerliche Verstrickungen der Lebenswege der betagten Hoteldauerbewohner. So stellt sich heraus, dass der beim Abendessen plötzlich verstorbene Hardy Frey eigentlich Leo Taubler hiess, ein vorbestrafter Gauner war und vor langer Zeit an der Seite von Dalia Gutbauer gelebt hat. «Ich hatte beliebig viel Geld, und er hatte keines», kommentiert die zickige Diva barsch, als Allmen sie mit seinen Erkenntnissen konfrontiert und seine Vermutung, dass Taubler das Gemälde einst gestohlen haben könnte, unwidersprochen bleibt.

Doch damit nicht genug der Verstrickungen. Suter schlägt gekonnt eine Brücke aus der Vergangenheit der Gutbauer-Jugend in die Gegenwart, lässt eine zweite Dalia, eine jugendliche, bildhübschen Römerin, auftreten, deren 40 Jahre älterer, steinreicher Geliebter sie ebenfalls mit einem Dahliengemälde von Fantin-Latour als Liebesbeweis beglücken will.

Kleine und grosse Marotten

Der 65jährige Martin Suter hat sich mit Hingabe den sehr vielen Nebenfiguren gewidmet. Sie alle sind so liebevoll mit kleinen und grossen Marotten gezeichnet, dass sie vor dem Auge des Lesers als Figuren aus Fleisch und Blut auftauchen. Bei aller Detailverliebtheit bleibt die Spannung, der kriminalistische Touch der Story, nicht auf der Strecke. Allmen wird nach einem Treffen mit der jungen Dalia brutal niedergeschlagen und Maria, Allmens neue Helferin, ist verschwunden.

Brillant konstruiert

Ein Roman voller Strudel, man kann sich der intensiven Sogwirkung kaum widersetzen. Er spielt auf verwegene Weise mit dem Yellow-Press-Voyeurismus, dem neidvoll-staunenden Blick auf die Schickeriawelt der Multimillionäre und der halbseidenen Möchtegern-Reichen. Diese bisweilen tief ironischen Beschreibungen vermischt Martin Suter mit einer brillant konstruierten, spannungsgeladenen doppelten Gaunergeschichte um das millionenschwere Gemälde. Das ist keine Weltliteratur, aber man muss sich auch nicht schämen, wenn man sich vom unglaublich leicht dahingeschriebenen Roman bestens unterhalten fühlt. Eine Ferienlektüre par excellence, ganz nach dem Motto: Sommer, Sonne, Suter.