Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

St.Galler Dok-Film: Stolzer Meister, störrische Schülerin

Die Modedesignerin Ly-Ling Vilyasane und St. Gallens letzter Feinmassschneider Cosimo Urgesi wollen gemeinsame Sache machen – und scheitern. Ein humorvoller Dokfilm erzählt die Geschichte eines Generationen- und Kulturenkonflikts.
Katja Fischer De Santi
Cosimo Urgesi, der Meister des traditionellen Schneiderhandwerks, und Ly-Ling Vilaysane, die unkonventionelle Modedesignerin (Bild: PD)

Cosimo Urgesi, der Meister des traditionellen Schneiderhandwerks, und Ly-Ling Vilaysane, die unkonventionelle Modedesignerin (Bild: PD)

Diese Geschichte hat kein Happy End. Es ist die Geschichte zweier Sturköpfe – Ly-Ling Vilaysane, 38 Jahre alt, Modedesignerin, und Cosimo Urgesi, 74 Jahre alt, St. Gallens letzter Feinmassschneider. Zwei, die aufeinander zugegangen sind, trotz unterschiedlicher Kulturen, Geschlechter und Alter, weil sie voneinander lernen wollten. Sie von ihm, wie man einen Massanzug schneidert. Er von ihr, wie man neue Kunden für eine alte Schneiderkunst begeistert.

«Sie muss verstehn was sie an mir hat»

Also zieht der stolze Herr Urgesi, der auch nach 50 Jahren in der Schweiz lieber Italienisch als Deutsch spricht, zu der quirligen Ly-Ling in ihr Atelier an der hinteren Bahnhofstrasse in St. Gallen. Der Maestro lebt für seine Handwerkskunst, will sein Können weitergeben: «Sie muss verstehen, was sie an mir hat.» Die Designerin will einen Schneider, der ihre Entwürfe umsetzt: «Er ändert einfach alles ab.» Die Konflikte am Nähtisch sind vorprogrammiert.

Mit dabei ist fast von Anfang an die Kamera von Giancarlo Moos. Der Dokumentarfilmer aus Zürich hat das filmische Potenzial dieser ungewöhnlichen Kooperation schnell erkannt. «Per SMS hat mir Ly-Ling von Herr Urgesi erzählt, diese ungewöhnliche Kooperation hat mich sofort interessiert.» Eineinhalb Jahre lang hat er das ungleiche Paar einmal in der Woche gefilmt. Ohne einzugreifen, beobachtend, ausdauernd.

Witzige Dialoge wie aus einem Drehbuch

Entstanden ist aus über 100 Stunden Material ein ruhiger, aber äusserst unterhaltsamer, 81 Minuten langer Film. Mit Dialogen, die teils so witzig und auf dem Punkt sind, dass bei der Premiere an den Solothurner Filmtagen nicht wenige Zuschauer vermuteten, sie seien gespielt, erzählt Li-Ling Vilaysane und lacht.

Als sie «Ly-Ling und Herr Urgesi» zum ersten Mal gesehen habe, sei ihr weniger zum Lachen gewesen, erzählt die Ostschweizer Designerin. Sie habe so sehr gewollt, dass diese Zusammenarbeit funktioniert. Zu sehen, wie sie immer wieder aneinandergeraten, obwohl sie doch für die gleiche Leidenschaft brennen, sei schmerzhaft gewesen.

Einer der letzten seines Fachs

Cosimo Urgesi ist einer der letzten Vertreter eines aussterbenden Handwerks. Mit elf Jahren hat er unter Entbehrungen und unter der Fuchtel strenger Lehrmeister in Apulien die Kunst der Feinmassschneiderei gelernt. Seine Stiche mit Nadel und Fingerhut sind bis heute unglaublich flink. Er hat alle Masse im Kopf, braucht nichts zu messen, um den Faden zu schneiden keine Schere.

Für ihn sind die Rollen deshalb klar verteilt: Er ist ein Meister seines Fachs, Ly-Ling Vilaysane die Schülerin. Und sein Urteil über sie ist knallhart:

«Sie versteht nichts von Schneiderei, sie macht zu viele Fehler, es ist ein Desaster.»

Doch diese «Schülerin» gibt sich, zu Recht, störrisch. «Er muss sich anpassen, offen für Neues sein.»

Zwei unterschiedliche Geschichten der Migration

Die Modedesignerin, mit mehreren Preisen ausgezeichnet und seit über zehn Jahren mit ihrem eigenen Label Aéthérée erfolgreich, lässt es nicht gelten, wenn Herr Urgesi ihre Entwürfe abändert. Dort den Kragen schmäler macht, Ecken abrundet, Taschen versetzt, weil er es so schon immer gemacht hat, weil es so richtig ist. Keine Diskussion.

Für die Komik im Film hilfreich, für die Protagonisten konfliktreich ist die Sprachbarriere zwischen Urgesi und Ly-Ling Vilaysane, deren Eltern Anfang der 1980er-Jahre als Boat Peopole aus Laos in die Schweiz flüchteten. Sie ist kommunikativ, sprudelnd vor Ideen – aber Italienisch kann sie nicht. Die beiden verstehen sich meist ohne viele Worte. Bei Aussprachen sitzt jedoch Sohn Giovanni Urgesi als Dolmetscher mit am Tisch. Und so wird «Ly-Ling und Herr Urgesi» auch zum Film über unterschiedliche Einwanderungsgeschichten der Schweiz und erzählt ganz nebenbei von neuer und alter Heimat.

Sie gehen nun wieder getrennte Wege

Ihre Zusammenarbeit haben Ly-Ling und Herr Urgesi nach zweieinhalb Jahren beendet. «Im Guten», wie sie betonen. Es war ein Versuch, gelernt habe sie beide daraus. Ly-Ling hat ihr Ziel erreicht, sie hat dank Cosimo Urgesi gelernt, einen Massanzug zu nähen. Fünf Stück hat sie schon gemacht. Nicht genau so, wie Herr Urgesi es machen würde, aber es passt.

Und Herr Urgesi? Der hat sich ein kleines Atelier im Klosterbezirk eingerichtet. Gegen den Willen seiner Familie, die froh wäre, er würde sich endlich ganz zur Ruhe setzten, mit 74 Jahren. Doch aufhören ist für Urgesi keine Option. Sein Beruf ist sein Leben, seit mehr als 60 Jahren.

«Ly-Ling und Herr Urgesi», läuft ab sofort im Kinok St. Gallen und in weiteren regionalen Kinos. Spieldaten unter: www.lylingurgesi.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.