Stimmen aus dem Bleistiftgebiet

Wagnis Walser: Die Kammeroper «Jakob von Gunten» war Benjamin Schweitzers Début als Bühnenkomponist. Zehn Jahre nach der Uraufführung zeigt das Theater St. Gallen eine Neuproduktion im Spiegelzelt. Premiere ist am Donnerstag.

Bettina Kugler
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Komponist Benjamin Schweitzer staunt heute über seinen Mut, vor zehn Jahren Robert Walser auf die Opernbühne gebracht zu haben. (Bild: Reto Martin)

Komponist Benjamin Schweitzer staunt heute über seinen Mut, vor zehn Jahren Robert Walser auf die Opernbühne gebracht zu haben. (Bild: Reto Martin)

Wie dünn das Eis war, auf dem er sich mit Anfang Zwanzig bewegte, erkennt Benjamin Schweitzer erst heute klar. Auf seinem Gebiet darf er als Frühstarter gelten: Schon als vierzehnjähriger Gymnasiast begann er zu komponieren; zwei Jahre später nahm er ein Vorstudium in Komposition und Musiktheorie an der Lübecker Musikhochschule auf. Bald komponierte er nicht nur für Übungszwecke.

Ohne Notizbuch ist er nirgends anzutreffen; manche beiläufige Idee wartet darin auf die passende Gelegenheit – selten lange. Zahlreiche Aufträge und Auszeichnungen, Stipendien und Einladungen zu Festivals gaben bislang das jeweils nächste Ziel vor. Wie Uhlands Reiter auf dem Bodensee mag er sich zuweilen rückblickend gefühlt haben.

Ein Buch als Bühne

Fünf Monate gab sich Schweitzer, damals noch im Studium, für die komplette Ausarbeitung einer Partitur, die es mit einem der seltsamsten Romane des 20. Jahrhunderts in deutscher Sprache aufnimmt. Alles stand ihm bei der ersten Lektüre des «Jakob von Gunten» schon plastisch vor Augen: Raum, Atmosphäre, die Szenerie der Dienerschule, in der Jakob zu einer «kugelrunden Null» erzogen werden will, das skurrile Personal.

Wie ein Coup de foudre hatte ihn der literarische Ton Robert Walsers, das Murmeln einer melodisch kreiselnden Sprache erwischt, mit ihren sanften Höhen und kaum wahrnehmbaren Leidenstiefen. Ideen für die musikalische Umsetzung des Stoffes seien sofort dagewesen, erinnert er sich.

Dabei hatte sich Benjamin Schweitzer, 1973 in Marburg geboren und in Baden-Württemberg aufgewachsen, bis dato bewusst vom Musiktheater ferngehalten. Mit Oper verband er Vergröberung, Vereinfachung, musikalische Gesten in XXL.

Lieber wollte er mit intellektueller Schärfe komponieren; nicht mit dem breiten Pinsel ausholen, sondern musikalisch ins «Bleistiftgebiet» vordringen, differenzierte Klangvorstellungen umsetzen, wie etwa Alban Berg im «Wozzeck» oder Bernd Alois Zimmermann mit «Die Soldaten».

Sängerische Hochseilakte

Robert Walsers Tagebuchschreiber von Gunten kam ihm als Einflüsterer gerade recht.

«Als Komponist kann ich präzise darstellen, wie jemand etwas sagt, in Tempo, Lautstärke, Tonfall, Pausen; ich kann mehrere Sätze ineinander fallen lassen, diesen Hauch von Verrücktheit und Schizophrenie wahrnehmbar machen – das hat Musik dem gedruckten Text voraus.» Was bei Walser wie écriture automatique wirke, sei extrem durchgearbeitet und absichtsvoll: «Das kann man in einer Partitur toll verstärken.» Ein hellwacher Leser spricht da und flüchtet sich nie in nebulöse Bedeutsamkeit.

Ob Robert Walser, Musil, Heimito von Doderer, ob Fachliteratur zu Arktisexpeditionen oder Lyriker des Barock, Schweitzer kennt sie so gut wie die Theorien von Brecht und Adorno.

Seine Musik folgt dem Rhythmus der Sprache bis hinein ins solistisch besetzte Orchester. Für Sänger ist das ein Hochseilakt, ohne einen Sicherheit gebenden Klangteppich. Es braucht Zeit, bis die Textur anhebt zu singen. Kommt noch das Spiel hinzu.

Eine Fülle von Regieanweisungen ergänzten das Manuskript zur Uraufführung im Jahr 2000; für den Druck zog sie Benjamin Schweitzer komplett zurück. «Das ist nun Sache des jeweiligen Regisseurs und der Ausführenden.» Dem Publikum traut er viel mehr zu als mancher Intendant. Speziell in der Schweiz hofft er zudem auf den «Walser-Bonus».

Über Abgründe komponiert

Für drei Tage ist er in St. Gallen, um sich einen Eindruck aus den Proben gut eine Woche vor der Premiere zu verschaffen. Nicht als Buchhalter und Treuhänder seiner ursprünglichen Ideen, sondern aus neugierigem Interesse an ihrer Weiterentwicklung. Gut ein Jahr ist es her, dass er Regisseur Johannes Schmid zu einem Vorgespräch getroffen hat und sich auf Anhieb gut mit ihm verstand.

«Dann verschwanden wir in unseren jeweiligen Paralleluniversen; Johannes Schmid drehte einen Film, ich war mit anderen Projekten beschäftigt. Nun bin ich gespannt, was aus seinen spannenden Ansätzen geworden ist.»

Wenn er zehn Jahre nach der Uraufführung die Partitur im Detail und sieht, womit Sänger und Musiker zu kämpfen haben, dann staunt er an manchen Stellen über die eigene Courage, vielleicht auch Unbefangenheit, mit der er damals «über Abgründe hinweg komponiert» hat, wie er sagt.

«Manches würde ich sicher heute besser machen, manches auch einfacher oder <praktischer>. Aber ob ich es überhaupt noch wagen würde?» Mit dem Wissen wachsen Zweifel und Skrupel. Robert Walser wäre er damit schon wieder ein Stückchen näher.

Premiere Do 15. 4, Theaterzelt SG, 20 Uhr; Einführung mit Benjamin Schweitzer um 19.30 Uhr