Stimme im Faltengesicht

Otto Sander, einer der grossen Darsteller des deutschsprachigen Theaters und Films ist gestorben. Er spielte in 130 Filmen und arbeitete mit vielen der wichtigsten Regisseure.

Valeria Heintges
Merken
Drucken
Teilen

Otto Sander hatte dicke Tränensäcke unter den wasserblauen Augen, tiefe Falten zogen sich durch sein Gesicht, das von einem langen durchlebten, durchlittenen Leben erzählt. Aber Otto Sander hatte nicht nur ein Charaktergesicht. Er hatte auch eine Stimme, die man – einmal gehört – nicht mehr vergass.

«Das Boot», «Die Blechtrommel»

Otto Sander, einer der grossen Darsteller des deutschsprachigen Theaters, legendärer Schauspieler in manchen der grössten deutschen Filme, ist tot. Er starb gestern im Alter von 72 Jahren in Berlin nach einer langen Krebserkrankung, teilte die Künstleragentur Meistersinger im Namen seiner Familie mit.

In Wolfgang Petersens Film «Das Boot» nannten sie seinen Ritterkreuzträger «das Gespenst», weil sein schmales Gesicht selbst diesen harten Kerlen unter Wasser auffiel. In Wim Wenders' «Der Himmel über Berlin» spielte er 1987 an der Seite von Bruno Ganz den Engel Cassiel – da war er selbst 46 und sah noch sehr jung aus.

Die berühmte Zeit an der Berlin Schaubühne, wo er mit Regisseuren wie Peter Stein und Robert Wilson arbeitete und zu dessen Ensemble er neben Jutta Lampe oder Edith Clever von 1970 bis 1979 gehörte, lag da schon hinter ihm. In 130 Kino- und Fernsehfilmen stand Otto Sander vor der Kamera, auch im Oscar-gekrönten Streifen «Die Blechtrommel», wo er unter der Regie von Volker Schlöndorff den ewig betrunkenen Trompeter gab.

Doch Sander war und blieb ein Mann der Bühne, unzählige Male stand er in Berlin, Wien, Bochum auf der Bühne, wo er 2004 als Hauptmann von Köpenick glänzte. Im Laufe seines Schauspielerlebens arbeitete er mit Regiegrössen wie Luc Bondy, Klaus Michael Grüber oder Wilfried Minks. Zur Uraufführung von Botho Strauss' «Der Kuss des Vergessens» in der Regie von Matthias Hartmann 1998 am Zürcher Schauspielhaus schrieb der Spiegel: «Otto Sander leiht dem Herrn Jelke sein fabelhaft verknittertes Knautschgesicht und die minimalistische Wurstigkeit seiner Bewegungen.» Zweimal gab er den Tod in Hofmannsthals «Jedermann» an den Salzburger Festspielen.

Vorleser unzähliger Hörbücher

Seine Stimme, tief, sonor und sehr ausdrucksvoll, machte ihn zum begehrten Synchronsprecher oder Vorleser unzähliger Hörbücher. Sander war mit Schauspielkollegin Monika Hansen verheiratet und damit Stiefvater der Schauspieler Ben Becker und Meret Becker.

Dem Fernsehpublikum wurde Sander auch als Streckenwärter Lansky in der ARD-Krimireihe «Polizeiruf 110» bekannt. Dafür stand er mehrfach mit Ben Becker vor der Kamera.