Neuer Kinofilm: Stiller Künstler gegen lauten Nazi

«Werk ohne Autor» ist ein deutsches Monsterprojekt, inspiriert vom Leben des Malers Gerhard Richter. Doch darf man «das Leiden der Täter» während der Nazi-Zeit so zeigen?

Regina Grüter
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Klein Kurt besucht mit seiner Tante die Ausstellung «Entartete Kunst» – die geliebte Tante wird von den Nazis ermordet, er wird ein grosser Künstler. (Bild: The Walt Disney Company)

Klein Kurt besucht mit seiner Tante die Ausstellung «Entartete Kunst» – die geliebte Tante wird von den Nazis ermordet, er wird ein grosser Künstler. (Bild: The Walt Disney Company)

Der kleine Kurt steigt mit seiner Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl) aus dem Bus. Sie kehren von einem Besuch der Ausstellung «Entartete Kunst» zurück. Wir schreiben das Jahr 1937. Elisabeth hat das künstlerische Talent ihres Neffen erkannt und will seinen Blick öffnen. Auf Elisabeths Wunsch geben die Buschauffeure ein Hupkonzert. Sie hebt die Arme an wie im Gebet, erlebt einen Moment der Freiheit. Der Sechsjährige saugt alles in sich auf. Er liebt seine Tante abgöttisch. Der innere Widerstand gegen den Nationalsozialismus treibt die junge Elisabeth aber schliesslich in den vermeintlichen Wahnsinn. Sie wird in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen.

Drei Jahrzehnte deutsche Geschichte in drei Stunden

Im fast dreistündigen Film «Werk ohne Autor» erzählt der 45-jährige Deutsche Florian Henckel von Donnersmarck («Das Leben der Anderen») über drei Jahrzehnte deutscher Geschichte von Verlust und Liebe und einem jungen Künstler, der seine eigene Stimme finden muss. Die Figur des Kurt Barnert, gespielt von Tom Schilling, ist an das Leben des deutschen Künstlers Gerhard Richter angelehnt. Dessen Tante wurde 1945 im Rahmen der zweiten Phase der nationalsozialistischen Euthanasie in der Gaskammer ermordet.

Nach dem Krieg absolviert er in seiner Heimatstadt Dresden ein Kunststudium. Er lernt Ellie Seeband (Paula Beer) kennen und heiratet sie schliesslich gegen den Widerstand deren Vaters – ohne zu wissen, dass dieser Professor Carl Seeband jener Arzt ist, der damals für den Tod seiner geliebten Tante Elisabeth verantwortlich war.

Der Deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmark am Zurich Film Festival. (Bild: Keystone)

Der Deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmark am Zurich Film Festival. (Bild: Keystone)

Schwiegervater will Schwiegersohn zerstören

Der Vater der Frau, die Richter später geheiratet hat, sei ganz tief in dieses Euthanasie-Programm verstrickt gewesen, sagt Florian Henckel von Donnersmarck im persönlichen Gespräch. Diese historische Tatsache liefert dem Regisseur und Drehbuchautor das Gerüst für eine fiktional verdichtete, mit dem Leben von vielen unterschiedlichen Künstlern angereicherten Erzählung über das Wesen der Kunst. «Im Zentrum aber muss für mich immer eine ganz menschliche, persönliche Geschichte sein», erklärt Henckel von Donnersmarck.

«Letztlich ist es die Geschichte von einem Schwiegervater, der versucht, seinen Schwiegersohn zu zerstören, weil er ihn seiner Tochter nicht würdig befindet. Dieses ungleiche Duell zwischen dem Schwiegervater – reich, mächtig, Wissenschaftler – und dem armen Künstler, der letztlich nur die Wahrheit sucht, das stand für mich im Zentrum.»

Tom Schilling, Darsteller der Hauptfigur, sagt im Interview, dass Kurt Barnert eine komplizierte Figur sei – so passiv, so innerlich. «Das ist für einen Schauspieler undankbar zu spielen. Kurt ist fast eine literarische Figur. Die Dinge bleiben unausgesprochen, und man muss sich darauf verlassen, dass der Zuschauer in seinen Kopf hineinkommt, mit ihm fühlt und mit ihm denkt.» Es gelingt Schilling.

Nazizeit aus der Perspektive eines Kindes

Kurt Barnert steigt in der DDR zum gefragten Freskenmaler auf, hat aber seinen eigenen künstlerischen Ausdruck noch nicht gefunden – er ist im sozialistischen Realismus gefangen. Die Suche danach an der Düsseldorfer Kunstakademie nach der Flucht in die BRD zieht sich dann schon etwas in die Länge. Es ist ein ironischer Blick auf die künstlerische Avantgarde der 1960er-Jahre und ihre Aktionskunst. Die Verdichtung von Realität – es gibt ein Bild von Richter, das ihn als kleinen Jungen mit seiner Tante zeigt – und Fiktion überzeugt hier nicht vollends. Das Duell zwischen Schwiegersohn und Schwiegervater jedenfalls findet seinen dramatischen Höhepunkt. «Kurt Barnerts Waffe ist es, unterschätzt zu werden», erklärt Tom Schilling.

Kontroverse Diskussionen in Deutschland

Hauptdarsteller Tom Schilling. (Bild: Keystone)

Hauptdarsteller Tom Schilling. (Bild: Keystone)

«Werk ohne Autor» ist auch ein Film zum Thema; das Leiden der Täter, was in vielen, insbesondere deutschen Medien sehr kontrovers diskutiert wurde. Darf und kann man die Schrecken der Nazizeit aus Sicht der Deutschen zeigen? Ja, man kann und muss. Es ist richtig und wichtig. Florian Henckel von Donnersmarck nimmt dazu Stellung: «Der Film zeigt die Nazizeit aus der Perspektive eines kleinen Kindes. Seine Tante wird von den Nazis ermordet, seine Onkel werden an der Ostfront erschossen. Dresden, seine Heimatstadt, wird zerstört. Dann zu sagen, man sollte dieses Leid nicht schildern, weil der kleine Junge ein «Täter» ist, das halte ich für menschenverachtend.» Tom Schilling findet den Film aus dem gleichen Grund überhaupt nicht fragwürdig, was politische Dinge angeht:

«Es geht nicht um eine Schuldfrage, vor allem aber hat dieser kleine Junge keine Schuld daran.»

Der Film ist bereits für die Oscars gesetzt

Das gross angelegte Kinodrama mit durchwegs hervorragenden Darstellern steht bereits als deutscher Oscarbeitrag fest. Insbesondere das erste Drittel mit der phänomenalen Saskia Rosendahl ist emotional überwältigend. Letztlich verleiht Henckel von Donnersmarck mit seinem Film der an sich simplen Einsicht Ausdruck, dass Kunst nur eine Wirkung auf den Betrachter hat, wenn der Künstler etwas zu sagen hat, das Erschaffene aus seinem Innern kommt – auch wenn, oder gerade wenn, dieser das nicht zwingend in Worte fassen kann.

ab Donnerstag 4. Oktober im Kino