STIFTSBIBLIOTHEK: Wiboradas Büchertraum

In der Sommerausstellung «Arznei für die Seele» macht sie die eigene Geschichte zum Thema. Erzählt wird auch von den Gefahren, die ihren Schätzen immer wieder drohten.

Rolf App
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Blickt auf 1400 Jahre Geschichte: Stiftsbibliothekar Cornel Dora. (Bild: Hanspeter Schiess)

Blickt auf 1400 Jahre Geschichte: Stiftsbibliothekar Cornel Dora. (Bild: Hanspeter Schiess)

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@tagblatt.ch

Man kann es als ein frühes Beispiel von Frauenwertschätzung in der katholischen Kirche sehen. Im Jahr 925 hat Wiborada eine Vision: Sie sieht voraus, dass im Jahr darauf die Ungarn in St. Gallen einfallen werden, und warnt den Abt des Klosters, der darauf Bibliothek und Klosterschatz in Sicherheit bringen lässt. Die Ungarn kommen tatsächlich, Wiborada wird verletzt und stirbt. Und im Jahr 1047 erreichen es die Mönche, dass sie als allererste Frau heiliggesprochen wird. Seither gilt sie als Schutzpatronin der Bibliotheken und Bücherfreunde. Wobei sie selber auch eine Bücherfreundin ist. Sie sitzt gerade beim Psaltersingen, als das aufgeschlagene Buch der Psalmen von selber zuklappt. «Ihr Haupt sank nieder, und sie schlief ein» – und träumt von den Ungarn. So berichtet es Ekkehart I. in der ersten Lebensbeschreibung.

Woher die Besucher heute kommen

Die Rettung der Bibliothek, die als Stiftsbibliothek zum Weltkulturerbe zählt, das ist Wiboradas grosse Tat – und deshalb findet sie auch Platz in jener Ausstellung, die heute eröffnet wird und sich mit der Geschichte der Bibliothek befasst. 132000 Menschen haben sie im vergangenen Jahr besucht. Eine Auswertung dreier Monate zeigt, woher sie kommen. «Schweizer Besucher machen rund 50 Prozent aus, Besucher aus dem Kanton St. Gallen rund 20 Prozent», erklärt Stiftsbibliothekar Cornel Dora. Weitere 30 Prozent reisen aus dem übrigen Europa an, 15% aus Asien.

Vor 250 Jahren ist jener Barocksaal fertiggestellt worden, der solche Besucherströme anzieht. Er birgt «die wahrscheinlich weltweit besterhaltene Sammlung von Handschriften aus dem ersten Jahrtausend», sagt Cornel Dora und erklärt, schon Gallus habe Bücher bei sich gehabt, als er sich 612 im Steinachtal niederliess. Lange fehlt es an Pergament, dann aber beginnen die Mönche selber zu schreiben. Winithar heisst der erste Schriftsteller im Bodenseeraum, von dem farbenprächtige Illustrationen stammen.

Richard Wagner, Franz Liszt und ein reicher Herzog

Mit der Erfindung des Buchdrucks kommt Gedrucktes hinzu, oder Raritäten wie die um 1260 entstandene, 1768 erworbene Nibelungenhandschrift B. «Auch Kuriositäten sammelt man», erzählt Karl Schmuki, der stellvertretende Stiftsbibliothekar. «In frühen Reiseberichten ist fast mehr davon die Rede.»

Massentourismus ist das natürlich noch nicht. 1787 schaut der Herzog von Württemberg vorbei und wirft sein begehrliches Auge auf ein paar Papyrusblätter. Er bietet pures Gold dafür, doch der Abt winkt ab. Fast siebzig Jahre später tragen sich die Komponisten Richard Wagner und Franz Liszt ins Gästebuch ein, die 1856 in St. Gallen auftreten, zusammen mit dem Architekten Gottfried Semper und dem Dichter Georg Herwegh, einem Freund von Karl Marx. Sie alle sind politische Flüchtlinge.

Eröffnung: Heute Dienstag, 18.30 Uhr, Pfalzkeller