Interview

St.Galler Literaturfestival nach Absage wegen Corona: «Wir freuen uns jetzt auf Wortlaut 2021»

Junge, starke Autorinnen wollte Dramatikerin Rebecca C. Schnyder beim 12. St.Galler Literaturfestival Wortlaut präsentieren. Jetzt blickt die Leiterin des Festivals nach vorn.

Bettina Kugler
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Schweren Herzens gab sie schon vor dem Lockdown die Wortlaut-Absage bekannt: Festivalleiterin Rebecca C. Schnyder.

Schweren Herzens gab sie schon vor dem Lockdown die Wortlaut-Absage bekannt: Festivalleiterin Rebecca C. Schnyder.

Bild: Nik Roth (St. Gallen, 5. März 2020)

Das Wortlaut-Programm 2020 hätte ihre Handschrift deutlich sichtbar gemacht: Seit zwei Jahren leitet die Dramatikerin und Literaturvermittlerin Rebecca C. Schnyder das Literaturfestival und setzt nicht nur bei Lesungen im herkömmlichen Sinn auf Texte jüngerer Frauen – was auch ein Zeichen der Zeit sei, wie sie sagt. Nun wird Wortlaut nicht stattfinden: Die Entscheidung fiel bereits letzten Freitagvormittag, noch vor den Anordnungen zur Einschränkung respektive zum Verbot öffentlicher Veranstaltungen.

Wann hat sich abgezeichnet, dass Sie das Festival 2020 nicht durchführen werden?

Rebecca C. Schnyder: Wir haben im Organisationskomitee schon frühzeitig überlegt, was es für Wortlaut bedeuten würde, wenn die Schutzmassnahmen weiter verschärft werden. Man hätte Veranstaltungen an andere Orte verlegen müssen und sicherstellen, dass die hygienischen Vorschriften eingehalten werden. Dennoch wären das gesundheitliche und das finanzielle Risiko zu gross gewesen, und wir hätten es auch organisatorisch nicht stemmen können. Wir wollten vermeiden, das Festival durch Umsatzeinbussen nachhaltig zu schädigen. Und wir haben eine Verantwortung den Künstlerinnen und Künstlern gegenüber.

Diese werden nun auf ihre Gage verzichten müssen. Wie wird das aufgefangen?

Da ich selbst Kulturschaffende bin, weiss ich, was das bedeutet, deshalb fiel mir die Absage nicht leicht. Ganz abgesehen davon, dass das Erlebnis eines solchen Festivals der schönste Lohn ist für unsere mehrheitlich ehrenamtliche Arbeit. Den Künstlerinnen und Künstlern werden wir etwa ein Drittel der zugesagten Gage zahlen können. Dafür haben wir bereits die Unterstützung durch die Kulturförderstellen von Stadt und Kanton. Die eine oder andere Lesung können wir vielleicht als Veranstaltung der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur nachholen. Wir überlegen auch, was wir vom jetzt Geplanten ins Programm 2021 nehmen können. Richtig bitter aber ist die Absage für die Buchvernissage von Laura Vogt.

Warum?

Eine Buchtaufe ist mehr als nur eine Lesung. Sie hat einen hohen Stellenwert für die Wahrnehmung eines Buchs. Da würde ich gern zur Kompensation an die ganze Menschheit appellieren: Kauft dieses Buch! Lest den neuen Roman von Laura Vogt!

Wie haben die Künstler auf die Absage reagiert?

Die Solidarität ist jetzt gross; alle hatten Verständnis, auch die Moderatorinnen und Moderatoren sowie die Verantwortlichen der Veranstaltungsorte. Diese müssen ja nun schauen, wie es für sie weitergeht, wie sie zu Entschädigungen kommen. Die Verträge sind da nicht so klar; es gibt keine Erfahrungen mit einer Situation, die vergleichbar wäre.

Zur Person

Rebecca C. Schnyder lebt und arbeitet als freie Autorin in St. Gallen. Sie ist 1986 in Zürich geboren und wuchs in Wald AR auf. Nach der Matur arbeitete sie als Regieassistentin am Theater. Sie schreibt Stücke, Hörspiele, Drehbücher und Prosa. Für ihre Arbeiten erhielt sie unter anderem den Publikumspreis beim Autorenwettbewerb der Theater Konstanz und St. Gallen und den Förderpreis der St. Gallischen Kulturstiftung. 2016 erschien ihr Debütroman «Alles ist besser in der Nacht». Rebecca C. Schnyder ist Präsidentin der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur und Leiterin des Literaturfestivals Wortlaut. (bk.)

Rund um das Buch gibt es immer mehr Festivals in der Region. Wie positioniert sich Wortlaut in diesem Umfeld?

Ich sehe die anderen Veranstaltungen in der Region als Bereicherung. Jegliches Konkurrenzdenken liegt mir fern; wir nehmen uns weder Publikum noch die Autorinnen und Autoren weg. Ich finde eher interessant, zu sehen: Wie machen es die anderen? Wortlaut steht für Entdeckungen. Sicher, bekannte Namen ziehen viele Leute an. Wir wollen aber auch Kulturschaffenden aus der Ostschweiz eine Plattform geben und pflegen in unseren vier Reihen die Vielfalt – neben Lesungen und Kabarett auch Spoken Word, Comic und Graphic Novel.

Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Wir laden Leute ein, auf die wir aufmerksam machen wollen, deren Arbeit wir spannend finden, wie diesmal Eva Maria Leuenberger oder Ivna Zic. In ihrem Fall hat sich das gute Näsli gezeigt, denn als wir sie angefragt haben, war das Buch noch gar nicht erschienen. Dann aber kam es überraschend auf die Shortlist für den Schweizer Buchpreis.

Wie früh steht jeweils das Programm fest?

Wir studieren schon vor dem Sommer die Vor-Vorprogramme der Verlage, manchmal fragen wir auch nach, wenn wir denken: Von dieser Autorin oder jenem Autor könnte vielleicht demnächst etwas Neues erscheinen. Bis Ende Oktober ist das Programm fix, da geht dann nichts mehr. Wir können also demnächst, wenn all die Arbeit, welche die Absage mit sich bringt, erledigt ist, an die Vorbereitung von Wortlaut 2021 gehen – und uns darauf freuen.

Manche Künstler und Veranstalter setzen derzeit auf Live-Streams. Wäre das für Wortlaut denkbar gewesen?

Im Team haben wir uns über die Möglichkeiten beraten. Zumindest wollen wir die uns zur Verfügung stehenden Kanäle nutzen, um Bücher zu empfehlen, den Künstlerinnen und Künstlern eine Präsenz zu geben. Wir haben nicht die Ressourcen, ein virtuelles Festival ins Leben zu rufen. So etwas braucht technisches Equipment. Tröstlich ist, dass ein Buch da ist und bleibt, auch wenn es keine Lesungen gibt. Es ist nicht so flüchtig, so auf den Augenblick und auf Publikum angewiesen wie Theater.

Reizt Sie der Notstand, den wir gerade erleben, auch als literarischer Stoff?

Aktuell noch nicht, doch es wäre möglich. Die Situation ist sehr bewegend und wirft viele Fragen auf nach Ethik und Solidarität. Ein anderes Thema wäre die erzwungene Verlangsamung. Auch wenn ich selbst das nicht aufgreifen sollte, so wird diese Zeit, und was sie mit uns macht, sicher in den nächsten Jahren vielfältig verarbeitet werden.