ST.GALLER KÜNSTLER: Engel, Vögel und Kanonen: Was die Menschen alles an den Christbaum hängten

Der St.Galler Künstler David Bürkler sammelte 45 Jahre lang Christbaumschmuck aus 150 Jahren. Ein Museum zeigt nun die speziellsten Stücke aus dem Nachlass – und erinnert an den Sammler, ein stadtbekanntes Original.

Melissa Müller
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Dieser Engel schaukelt in einem Schiffchen aus Stanniol, plattgewalzter Zinnfolie. Ein Vorläufer des Aluminiums.

Dieser Engel schaukelt in einem Schiffchen aus Stanniol, plattgewalzter Zinnfolie. Ein Vorläufer des Aluminiums.

Melissa Müller

Der St.Galler Künstler David Bürkler (1936–2016) streifte täglich durch die Brockenhäuser. Dabei hatte er es auf ­exklusiven Christbaumschmuck abge­sehen. Er zählte zu den ersten Sammlern dieses Fachgebiets, seine Sammlung gilt als einzigartig. Über 45 Jahre lang beschäftigte er sich mit den kleinen Kostbarkeiten, entdeckte immer wieder Raritäten aus ganz Europa und ergänzte sie mit typischen Stücken aus jeder Epoche – von der Biedermeierzeit bis heute. Denn lange ist es noch nicht her, dass sich die Menschen einen Christbaum in die Stube stellten.

Bürkler vermachte die Sammlung dem Historischen und Völkerkunde­museum St.Gallen. Beim Auspacken der 35 Kisten war die Überraschung gross. Jede Schachtel barg kuriose Stücke: Fragile Zeppeline, Kanonen aus Glasperlen, Handys, Bananen, die Frau vom Samichlaus, goldene Tabakpfeifen und weitere glitzernde Kleinode, die man sich an den Tannenbaum hängen kann. Ein exklusiv ausstaffierter Christbaum war schon immer auch ein Prestigeobjekt, ähnlich einem teuren Auto.

Bling-Bling-Kanone aus dem 1. Weltkrieg: Christbaumschmuck aus Perlen. (Bild: Sabrina Stübi)
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Auch Handys kann man sich an den Christbaum hängen. (Bild: Sabrina Stübi)
Fliegenpilze waren als Christbaumschmuck in den 20er-Jahren angesagt. Ihr Rot kontrastiert hübsch zum Grün der Tannenzweige. (Bild: Sabrina Stübi)
In der Zurück-zur-Natur-Bewegung der 70er-Jahre war Christbaumschmuck aus Naturmaterialien wie Stroh en Vogue. (Bild: Sabrina Stübi)
Skifahrender Chlaus aus Watte: Schmuck aus formbaren Materialien wie Wachs, Zuckermasse und Watte eignete sich besonders für die Heimarbeit auf den Bauernhöfen. (Bild: Sabrina Stübi)
Vögel sind unter Sammlern von Weihnachtsschmuck begehrt. Manche sammeln nur Vögelchen. Dieser Eisvogel aus Watte ist ein besonders kostbares Stück. (Bild: Sabrina Stübi)
Hier wurde Miss Santa Claus ein Denkmal gesetzt. (Bild: Sabrina Stübi)
König Ludwig II, der Schloss Neuschwanstein errichten liess, mit blutrotem Kussmund. (Bild: Sabrina Stübi)
Glasseide wurde aus Glas gesponnen und für Engelsflügel, Schmetterlingsflügel und Vogelschwänze verwendet. (Bild: Sabrina Stübi)
Freches Früchtchen. (Bild: Sabrina Stübi)
Künstler David Bürkler (1936 bis 2016) sammelte nicht nur Christbaumschmuck. Auch antike Spielsachen, Dosen, Gläser und Briefmarken hatten es ihm angetan. (Bild: PD/Franziska Messner-Rast)
David Bürkler (links) wuchs in einer Arbeiterfamilie in St.Gallen-Bruggen auf. Hier ist er mit Mutter Alice, Schwester Esther, Vater Hans und Bruder Hans zu sehen. (Bild: PD)

Bling-Bling-Kanone aus dem 1. Weltkrieg: Christbaumschmuck aus Perlen. (Bild: Sabrina Stübi)

Das Museum stellt die Schenkung nun aus – und würdigt auch den Sammler, der am 16. Januar 2016 fast 80-jährig verstarb. Er war eine schillernde Figur, ein Stadtoriginal. Mit Weihnachten verband David Bürkler gemäss einer Medienmitteilung des Museums aber keine besonders glücklichen Kindheitserinnerungen. Die Weihnachtszeit im Elternhaus erlebte er oft voller Spannungen. Der Zweite Weltkrieg erlaubte keine grossen Feiern.

Seine Frau brachte ihn auf den Geschmack

Als sich dann seine Verlobte und spätere Ehefrau Trudi einen reich geschmückten Christbaum wünschte, schenkte er ihr zu Weihnachten 1969 die ersten Schmuckstücke für den Christbaum. Die Ehe ging nach kurzer Zeit in die Brüche, die Sammlung wurde fair aufgeteilt ­zwischen den Scheidenden; Bürkler blieb alleinstehend.

Der Zauber der Kugeln, Sterne und Vögel liess ihn aber nicht mehr los. Viele Leute brachten damals ihren alten Weihnachtsschmuck ins Brockenhaus, da er dem Wechsel der Mode unterlag wie die Kleider. In den 20ern waren Glasperlen und Fliegenpilze der letzte Schrei, in den 70ern wollte man zurück zur Natur und hängte sich Schmuck aus Stroh an den Baum. Im Brockenhaus waren die ausrangierten Figürchen oft für ein Butterbrot zu haben. Bürkler interessierte sich insbesondere für die technische Machart und die Materialien: Glas, Wachs, Porzellan, platt gewalztes Zinn, Stroh, Zelluloid, Glasseide, Metalloxyd. Er sammelte Samichläuse aus Watte und Salzteig, Glitzerdrahtspiralen, Kugeln aus Nürnberger Messingblech. Auch der soziale Hintergrund weckte jeweils seine Neugier: Er dachte an die ärmlichen Bauernfamilien, die den Christbaumschmuck mit Drähten in Heimarbeit ­zusammengebaut hatten. Und an die Handwerker in den Glashütten, welche die mundgeblasenen Meisterstücke hergestellt hatten.

Ein kränkliches, aufmüpfiges Kind

«Er wollte etwas Exzeptionelles sammlen, womit er sich von der Masse ab­heben kann», erinnert sich sein Freund Fred Kurer. «Ein Hobby, das er mit kleinem Budget betreiben kann.» Denn Bürkler war finanziell nicht auf Rosen ­gebettet. Er lebte sparsam, um sich ganz seiner Kunst widmen zu können. «Er verweigerte staatliche Gelder, wollte niemandem auf der Tasche liegen», sagt Fred Kurer. Eine Handvoll Freunde kümmerte sich um den drahtigen kleinen Mann mit dem Rauschebart. Sie heizten seinen Holzofen ein oder brachten ihm zu essen, wenn er krank war. Bei Föhn und Vollmond ging es David Bürkler oft nicht gut. Er war ein kränkliches Kind gewesen und litt unter einem Herzfehler, der sein Wachstum einschränkte. «Er war eigenwillig, winzig, aufmüpfig bis frech, manchmal ein bisschen verschupft. Unbrauchbar im Fussball, selbst als Reserve», erinnert sich Fred Kurer, der mit ihm die Schulbank drückte.

Dafür überflügelte David Bürkler seine Mitschüler im Zeichnen und zeigte auch beim Basteln ein herausragendes Geschick. Zu Hause an der Zürcherstrasse 208 in St.Gallen-Bruggen hielt der Lausbub, der Tierforscher, Clown oder Künstler werden wollte, einen halben Zoo mit ­Fischen, Schildkröten, Tauben, Hühnern und Kaninchen. Beide Eltern waren ­berufstätig, um die Familie über die ­Runden zu bringen: Sein Vater Hans war Schlosser in einer Fabrik, seine Mutter Alice Arbeiterin in einer Strumpfwarenfabrik. Die Grosseltern kümmerten sich um David, seinen Bruder Hans und seine Schwester Esther.

Nach der Kunstgewerbeschule liess sich David Bürkler zum Grafiker aus­bilden, in den 70ern gestaltete er Pla­kate für die Kellerbühne und fertigte ­Marionetten fürs Figurentheater an. Und er malte abstrakte Bilder. Später wandte er sich den Skulpturen zu. Tische, Taburettli oder Schachteln werden zu seinen künstlerischen Markenzeichen. «Ein Zärtelchen, das als Kind viel Unterstützung brauchte, entwickelte sich zu einer einzigartigen, starken und zähen Künstlerpersönlichkeit», hält Künstler Josef Felix Müller in seinem Nachwort im Buch «Der Künstler David Bürkler und sein Werk» fest. In den Siebzigerjahren erlitt Bürkler bei einem Motorradunfall als Beifahrer eine schwere Kopfverletzung. Das zwang ihn zu einer dreijährigen Schaffenspause.

Der grosse Durchbruch als Künstler blieb ihm im Gegensatz zu seinen Freunden Roman Signer und Manon verwehrt. Das machte ihm nicht viel aus, denn er war von der Qualität seiner Kunst stets überzeugt. Bürkler, der sich keine Vernissage entgehen liess, war in der Kunstszene bestens vernetzt. Mit Kritik hielt er sich nie zurück. «Er hat viele Kunstwerke als blosses ­Dekor abgetan», erinnert sich eine Weggefährtin. «Seine eigene und Roman Signers Kunst befand er aber für gut genug.»

Bürkler hatte vor niemandem Angst. Er war mit Selbstsicherheit gesegnet. Die Kunst stand für ihn an erster Stelle, das Sammeln an der zweiten. Er prahlte nie mit seinem Christbaumschmuck, sammelte im Stillen. Fragten ihn seine Freunde, ob er wieder einmal ein schönes Stück erworben habe, sagte Bürkler: «Man findet ja immer irgendwas.» Er erspähte seine Schätze bei Trödlern und auf ­Flohmärkten. «Er sammelte eher im Vorbeigehen», sagt sein Göttibub Jan Kaeser, der ebenfalls Künstler ist. Er erinnert sich, wie er als «4-jähriger Bubi» bei ­seinem Götti an der Spiser­gasse Weihnachten feiern durfte. «Schon da hat mich seine Weihnachtsschmucksammlung umgehauen.» In der schönen alten Stube gab es viel zu schauen. «Mein Götti sagte schon damals zu mir: Du wirst sicher auch einmal Designer oder Künstler», sagt Jan Kaeser. «Wir hatten eine ähnliche Ader.» Die beiden besuchten einander später oft in ihren Ateliers und diskutierten über Kunst.

Bürklers eigene Bude an der St.Galler Treuackerstrasse war kalt und feucht. «Er musste oft frieren», sagt Fred Kurer. Freunde wollten ihm eine komfortablere Wohnung beschaffen. Doch ein Umzug schreckte Bürkler ab: Seine Samm­lungen hatten mit den Jahren ­grosse Dimensionen angenommen. Die Räume waren voll mit kostbaren Gläsern, Schüsseln und Karaffen in allen Farben und ­Formen, antiken Kinderspielsachen, Briefmarken, alten Bügeleisen mit ­Bakelit-Griff, Schachteln, Blechbüchsen – und natürlich Christbaumschmuck, in 35 ­Bananenschachteln verstaut. «Er ­hatte ­seinen Schlafplatz und ein Stübchen, der Rest der Wohnung war mit Material vollgestellt», erinnert sich Fred Kurer. Doch alles habe seine Ordnung gehabt und sei feinsäuberlich beschriftet ge­wesen.

In seinen letzten Jahren war der betagte Herr oft unterwegs an verschie­denen Bushaltestellen der Stadt. «Wenn er mich sah, fuhr er einfach mit. In Richtung Haggen, Neudorf, Rot­monten, Riethüsli – egal wohin», erinnert sich Künstler­freund Josef Felix Müller. «Im Bus war er geschützt vor Regen, ­Kälte und Einsamkeit.» David Bürkler benutzte den öffentlichen Raum wie ­seine Wohnstube – halt ohne Christbaumschmuck.

«Kunst am Tannenbaum»

Die Ausstellung im Historischen und ­Völkerkundemuseum St. Gallen dauert bis am 28.1. www.hvmsg.ch

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