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Steven Bloom blickt in seinem neuen Roman auf die neue US-Geschichte

Der alte jüdische Geschichtsprofessor Mendel Kabakov schaut im Jahr 1968 auf ein Jahrhundert zurück und trauert um seine Frau. Sie hatte ihm, der die Welt nur intellektuell sah, das Leben ermöglicht.
Bernadette Conrad
Steven Bloom. (Bild: Gudrun-Holde Ortner)

Steven Bloom. (Bild: Gudrun-Holde Ortner)

Alle anderen gehen über die Strasse, als die Ampel im dichten New Yorker Verkehr auf Grün schaltet, nur eine junge Frau mit weissem Stock bleibt stehen. Der Geschichtsstudent Mendel bietet der blinden Sonia seine Hilfe an.

Von da an ist sein Leben ein anderes. Im Lichte dieser Beziehung erzählt Mendel Kabakov als alter Mann sein Leben - als jemand, dessen Zugang zur Welt nahezu ausschliesslich über Wissen und analytisches Denken führt. Als Professor für Amerikanische Geschichte hatte er in New York unterrichtet. Und da ihn im Leben (ausser Sonia) nichts anderes wirklich bewegt hatte, schleichen sich die Fragen der amerikanischen Historie nicht nur hinein in seine Lebenserzählung, sondern werden zu deren zentralem Stoff.

Wenn Hautfarbe wichtiger ist als Religion

Was hat es für das Amerika des 20. Jahrhunderts bedeutet, dass die aus Europa flüchtenden Juden sich in Amerika «in einem Land wiederfanden, in dem die Hautfarbe viel wichtiger war als die Religion?» Und was erzählen der Vietnamkrieg und die Rückkehr Richard Nixons auf die politische Bühne überhaupt über amerikanische Demokratie?

Im Jahr 1968, in dem der Roman spielt, ist es nicht nur die Bürgerrechtsbewegung, die Mendels Familie in unversöhnliche politische Lager zerrissen hat: Sohn Sammy ist begeisterter Anhänger Israels, und empfindet Eltern und Schwester Eva als «säkulare Juden der schlimmsten Sorte», die sich nicht um das Schicksal des jüdischen Volkes scherten. Als auch noch Sammys Sohn Aaron vom College verschwindet, um sich womöglich aus jugendlichem Idealismus in Vietnam verheizen zu lassen, dreht Sammy vollends am Rad und bittet seinen Vater Mendel, Aaron nach Hause zu holen.

Die blinde Ehefrau öffnet ihm die Augen für das praktische Leben

Mitunter taucht während der Lektüre der Verdacht auf, dass die Figuren von Steven Blooms Roman mehr als alles andere Diskussionsteilnehmer bei jenen grossen politischen Erörterungen sind, die den Roman durchziehen und die Bloom, der Jahrzehnte lang in Heidelberg Amerikanische Landeskunde unterrichtete, selbst umtreiben. In Blooms Romanen – die allesamt zwar auf Englisch geschrieben, aber nicht im englischsprachigen Raum erschienen sind – wird politische Analyse gross geschrieben. Politische Korrektheit hingegen klein: Schwarze sind bei Bloom «Neger».

Vor allem aber schaut der Erzähler selbstkritisch auf diese ihn ausmachende allzu obsessive Intellektualität. Und es sind genau die damit verbundenen sozialen und emotionalen «Lücken», durch die dann doch genug Romanhandlung schimmert. Was mit Sonia begann, scheint auch mit ihr zu enden: 1968, in Mendels 80. Lebensjahr, ist Sonia seit kurzem tot, und mit ihr alles, was sie ermöglicht hat. «Die Sinne, die ich als Kind abgeschaltet hatte, waren mein Leben lang abgeschaltet geblieben. Von Sonia hatte ich gelernt, Musik zu hören, Blumen zu riechen und die Nahrung, die ich zu mir nahm, wirklich zu schmecken.» Was bleibt, ist die Erinnerung daran, was Sonia getan hätte: Und so ist es nun Mendel, der seiner Tochter über die Wange streicht, als sie weint.

Steven Bloom Mendel Kabakov und das Jahr des Affen, Wallstein, 200 S.

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