Sternstunden im Turmzimmer

Das Klima am Bodensee tat Annette von Droste-Hülshoff gut: In Meersburg entstanden die bedeutendsten Gedichte des adligen Fräuleins aus Westfalen. Vom Honorar erwarb die Dichterin das «Fürstenhäusle»; 1848 starb sie auf der Burg.

Bettina Kugler
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Zwischen «grauen Ahnenbildern», «Wappentruh' und Eisenschildern» lebte Annette von Droste-Hülshoff zwischen 1841 und 1848 – auf der alten Burg. (Bild: fotolia)

Zwischen «grauen Ahnenbildern», «Wappentruh' und Eisenschildern» lebte Annette von Droste-Hülshoff zwischen 1841 und 1848 – auf der alten Burg. (Bild: fotolia)

EPPISHAUSEN/MEERSBURG. In Eppishausen langweilte sie sich zu Tode. 1835 sollte Annette von Droste-Hülshoffs «Schweizer Jahr» werden: Gemeinsam mit der Mutter brach sie vom westfälischen Rüschhaus aus über Bonn zu einem längeren Besuch ihrer Schwester Jenny in den Thurgau auf. Jennys Ehemann, der Germanist, Sammler und Herausgeber Joseph von Lassberg, hatte 1812 Schloss Eppishausen bei Erlen erworben und lebte seit 1818 dort; gern nannte er sich altertümelnd «Meister Sepp von Eppishusen». Zuvor war das 1190 erstmals urkundlich erwähnte Schloss im Besitz des Benediktinerklosters Muri.

Annette und der Säntis

In seiner grossen Bibliothek empfängt Lassberg zwar auch Dichter wie Ludwig Uhland, vor allem aber «Altertümler», «langweilig wie der bittre Tod, schimmlig, rostig, prosaisch wie eine Pferdebürste». Da nimmt sich die Schwägerin, die auf angeregte Gespräche über neuere Kunst und Literatur gehofft hat, kein Blatt vor den Mund. Und Jenny, mit der sie sich zu Hause auf Rüschhaus so gut verstanden hat, leidet unter Schwangerschaftsbeschwerden.

Im März 1836 bringt Jenny die Zwillinge Hildegard und Hildegunde zur Welt; Annette hilft, wo sie kann. Und sie schreibt Briefe – mit sprachgewaltigen Landschaftsschilderungen. Beim Spazieren im Schlosspark entsteht ihr Gedichtzyklus «Der Säntis». Der Berg erscheint hier als «Greis», «in Felsenblöcke eingemauert», «in Eisespanzer eingeschnürt»: ein Bild des menschlichen Daseins am Lebensende.

Das Altern wird auch in den Briefen und Gedichten der späteren Meersburger Aufenthalte Annette von Droste-Hülshoffs ein Grundton sein. Doch noch ist sie keine vierzig – und auf Schloss Eppishausen.

Der Ort gefällt Annette durchaus. «Also, das Dorf gerade unter dem Fenster, fast unmittelbar daran stossend ein zweites, dann ein drittes, viertes, bis zu einem siebenten, alle so nah, dass ich die Häuser zählte… und unsere gute, alte Burg drin wie das kleine Wien in seinen grossen Vorstädten», schreibt sie über ihr Gästezimmer in Eppishausen. Heute ist das Schloss ein Alten- und Pflegeheim, die sanfthügelige Landschaft ein Golfparadies.

Die Natur hinterlässt tiefe Eindrücke; nicht nur die nahen Berge, sondern auch die Wälder mit ihren alten Bäumen, den «Vögeln von allen Farben und Zungen», den Quellen. Gleichwohl verabschiedet sich Annette von Droste-Hülshoff im Oktober 1836 mit einem bitteren lyrischen Gruss vom «Land, wo ich keine Nachtigall/Und keine Liebe fand». Die Schweiz ist ihr fremd geblieben, was wohl eher damit zu tun hat, dass sich Joseph von Lassberg und seine Freunde kaum für ihre Person und ihre Arbeit interessierten.

«Unter mir der blaue See…»

In Meersburg wird das anders sein: Lassberg, der unterdessen die alte Burg erworben hat, stellt Levin Schücking als Sekretär an – vermutlich auf Drängen Annettes. Sie kennt den wesentlich jüngeren Mann seit 1831 und schätzt ihn – nicht nur als anregenden Gesprächspartner und ambitionierten Literaten.

Eifersüchtig vereinnahmt sie Schücking als «mein liebstes Kind» (im Stillen auch mehr) und schreibt im Turmzimmer der Burg, zwischen «grauen Ahnenbildern», «Wappentruh' und Eisenschildern» Gedichte – mit Blick auf den See, das Schweizer Ufer und die Voralpen. Zum Beispiel «Das alte Schloss» (1841/42): «Auf der Burg haus' ich am Berge/Unter mir der blaue See/Höre nächtlich Koboldzwerge/Täglich Adler aus der Höh'…».

Schlösser war die Droste gewohnt: 1797 auf dem Wasserschloss Hülshoff bei Münster geboren, gehörte sie dem westfälischen Adel an – der allerdings nach den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen Anfang des 19. Jahrhunderts zunehmend in Bedrängnis geriet. Aufgewachsen ist Annette von Droste-Hülshoff bereits in einem «Klima der Verunsicherung, der schamhaft verschwiegenen oder grossspurig überspielten Ärmlichkeit», schreibt der Konstanzer Literaturwissenschafter Ulrich Gaier über «Annette und das Geld». Man hielt sich stattdessen an geistigen Werten fest: Lektüre, Musizieren, Zeichnen, Theaterspielen. Schon als Kind galt Annette als «kleine Sappho».

Anregende Spaziergänge

Zu einer der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen aber wird sie, bestärkt und ermutigt durch Levin Schücking, weit weg von Westfalen. Das milde Klima am See tut ihr gut; obwohl sie gesundheitlich angeschlagen ist, nimmt sie die Strapazen der Reise auf sich – und erholt sich bald. «Meine Diarrhoe hat schon sehr nachgelassen, die Schweratmigkeit auch; ich spaziere täglich eine Strecke am See hinunter, was, mit dem Weg hinauf, eine ordentliche Tour für mich ist.» Mit Schücking unternimmt sie lange Spaziergänge; ansonsten lebt man zurückgezogen – und schreibt, geradezu euphorisiert. Im April 1842 erscheint die Erzählung «Die Judenbuche», bis heute ihr bekanntestes Werk.

Ein Häuschen im Weinberg

Vom Honorar ihrer Gedichte kann die Droste bei ihrem zweiten Meersburg-Aufenthalt 1843 das «Fürstenhäusle» mit dem dazugehörigem Weinberg kaufen; bislang hatte sie von einer jährlichen Leibrente von 200 Talern gelebt. Als Levin Schücking Meersburg verlässt, vermag sie zunächst keinen Stift anzurühren: «Ich lag wie ein Igel auf meinem Kanapee und fürchtete mich vor den alten Wegen am See wie vor dem Tode.»

Trotzdem kommt sie noch zweimal für längere Phasen an den See. Das Haus im Weinberg aber, heute Droste-Museum, wird sie nie beziehen. Ihr Sterbezimmer passiert man beim Rundgang durch die alte Burg; begraben ist «Deutschlands grösste Dichterin», wie es hier allenthalben zu lesen ist, auf dem Meersburger Friedhof.

Am Fenster der Burg, 1846. (Bild: dtv)

Am Fenster der Burg, 1846. (Bild: dtv)

Schloss Eppishausen, gezeichnet von Annettes Schwester Jenny. (Bild: in Wilfried Freund, «Annette von Droste-Hülshoff», dtv)

Schloss Eppishausen, gezeichnet von Annettes Schwester Jenny. (Bild: in Wilfried Freund, «Annette von Droste-Hülshoff», dtv)