Staunen mit oberhessischen Igeln: Das St.Galler «Theater am Tisch» spendet Ohrentrost in den vier Wänden

Peter Kurzecks «Das Weltbild der Igel» ist bester Stoff für die Tage und Wochen, in denen wir dazu angehalten sind, uns einzuigeln. Was bereits eine Lesung mit Bild und Ton war, haben Marcus Schäfer und Willi Häne jetzt zu Hause, jeder für sich, als vierteiliges Hörstück produziert und auf Youtube gestellt. Ein kleiner Triumph gegen die Isolation – und die Vergänglichkeit.

Bettina Kugler
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Der Schauspieler Marcus Schäfer im improvisierten Corona-Studio - im Schrank seines Arbeitszimmers: Hier hat er in vier Teilen «Das Weltbild der Igel» aus Peter Kurzecks Roman «Vorabend» eingelesen.

Der Schauspieler Marcus Schäfer im improvisierten Corona-Studio - im Schrank seines Arbeitszimmers: Hier hat er in vier Teilen «Das Weltbild der Igel» aus Peter Kurzecks Roman «Vorabend» eingelesen.

Bild: zVg

Haben sie nicht eine Ähnlichkeit mit all den Spaziergängern durch Feld, Wald und Wiesen, die sich gerade vom «Bleiben Sie zu Hause»-Appell nicht bange machen, nicht in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken lassen wollen? So sind die Igel in der Erinnerung des Schriftstellers Peter Kurzeck an seine Kindheit in Oberhessen, in den 1950er Jahren – einer Zeit, da diese verschlafene Gegend den Fortschritt entdeckt und immer mehr Landschaft verschwindet. 

«Sind Sachzwänge», sagen sich Kurzecks Igel, «so Menschenangelegenheiten», «muss man nicht gleich beleidigt...» Das Verb fehlt, wie öfters ein Wort bei diesem Schriftsteller, der wie kaum einer versuchte, gegen die Flüchtigkeit, das Verschwinden der Zeit anzuschreiben. Die Igel haben ihre eigene Grammatik. Wie sie überhaupt eigensinnige Wesen sind. Wir Menschen ja auch.

Die ständige Lebensgefahr in jedem Augenblick jedenfalls, die Kurzeck aus der Sicht der Igel im Buch «Vorabend» überaus sinnlich, atmosphärisch dicht und melancholisch beschwört, ist uns dieser Tage bewusster als sonst. Zudem haben wir Zeit genug, einzutauchen in den Igelkosmos vieler Sommer: Viermal 15 Minuten sind es in der Hörstückfassung von Marcus Schäfer und Willi Häne, aufgenommen im Homeoffice, jeder für sich. Verfügbar sind die vier Folgen gratis auf Youtube; der Verlag hat Schäfer und Häne in der Ausnahmezeit die Textrechte überlassen.

Schwebende, tänzelnde Sätze

Vertraut mit dem Stoff waren sie bereits – «Theater am Tisch» hatte die «Igel» 2015 als Collage aus Text, Bild und Sound produziert und seither in loser Folge live präsentiert. Die nächste Lesung wäre am 25. Juni in Teufen; abgesagt ist sie noch nicht. Prophylaktisch aber, um uns die veranstaltungsfreie Zeit zu verkürzen, und um neue Hörer mit dem Kurzeck-Virus zu infizieren, hat Marcus Schäfer das Mikrofon im Schrank seines Arbeitszimmers aufgebaut, Willi Häne dazu die dezenten Sounds kreiert: Geraschel im Gras, Stimmen von fern, Verkehrsrauschen; das Summen und Brummen geschäftiger Maschinen, einmal Jahrmarktmusik oder etwas, das leicht angesäuselte Igel im Ohr haben könnten, nach einem vergorenen Beerenschmaus.

Kammermusik für angesäuselte Igel und bauwütige Menschen: Willi Häne kreiert in seiner Wohnung Sounds zum Hörstück «Das Weltbild der Igel».

Kammermusik für angesäuselte Igel und bauwütige Menschen: Willi Häne kreiert in seiner Wohnung Sounds zum Hörstück «Das Weltbild der Igel».

Bild: zVg

Erst liegt der Weltkrieg noch nicht weit zurück, sind die Auenwälder noch wild, noch nicht einmal das Schwimmbad ist gebaut. Dann folgen Bungalows, Strassen, Baumärkte, überall Zäune. Die Igel arrangieren sich damit, als konziliante Wesen, sie versuchen, sich alles zu merken, und doch sind sie mit dem Fortschritt überfordert – wie vielleicht auch die Menschen, das klingt in Kurzecks schwebenden, tänzelnden Sätzen mit.

Marcus Schäfer liest sie wie Musik. Nie haben die vielen Ausrufe im Text etwas Aufdringliches, vielmehr beschwören sie behutsam versunkene Zeiten herauf: in einer Erfahrungsdichte und Genauigkeit der Wahrnehmung, dass man nicht genug davon bekommen kann. Und diesen Vorteil hat die YouTube-Version gegenüber der Livelesung - man kann jeden der vier Teile beliebig oft hören, zum Einschlafen oder, noch besser, zum Wachwerden: mit geschärftem Sinn für die Schönheit und Verletzlichkeit der Welt.

Peter Kurzeck: Das Weltbild der Igel. Hörstück von Theater am Tisch. 4 x ca. 15 Minuten. Marcus Schäfer (Sprecher), Willi Häne (Musik, Sounds, Produktion). Verfügbar auf Youtube.

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