Statt Weine anzubauen, dirigiert Erich Polz Walzer

Auf einen Kaffee mit...

Rolf App
Drucken
Teilen
Hat die Ländler- und Walzermusik seiner Heimat im Blut: Erich Polz, Dirigent des Neujahrskonzerts. (Bild: Claudio Heller)

Hat die Ländler- und Walzermusik seiner Heimat im Blut: Erich Polz, Dirigent des Neujahrskonzerts. (Bild: Claudio Heller)

Erich Polz glaubt nicht an Zufälle. Nur an glückliche Fügungen. Nach dem Plan seiner Eltern hätte er ihr landesweit bekanntes Weingut in der Steiermark übernehmen sollen. «Ich sollte auch eigentlich Weinbau studieren», erzählt der 31-jährige Dirigent des St. Galler Neujahrskonzerts zwischen zwei Proben. «Aber zur selben Zeit ist die Musik wichtiger und wichtiger geworden – obwohl ich durchaus ein Händchen für gute Weine habe.»

Angefangen hat seine Leidenschaft am Gymnasium mit dieser «wahnsinnig engagierten» Musikpädagogin, die einen Chor auf die Beine stellte, ohne dass sie dafür bezahlt worden wäre. «Das Singen uns sehr geprägt in einer Schule, die eigentlich gar keinen musikalischen Schwerpunkt hatte.» In Wien hat er dann in den besten Chören weitergemacht. «Das ist immer mehr geworden, und ich habe immer weniger studiert. Was zu Hause niemand gewusst hat.» Allmählich ist der Plan gereift, Dirigent werden zu wollen. Nicht Sänger. Denn erstens will Erich Polz nicht jeden Tag in der Früh aufwachen und sich zuerst einmal fragen müssen, wie es seiner Stimme geht. «Zweitens war mir bewusst, dass ich nicht zum Solisten tauge.»

So ist er nach Hause gefahren und hat seinen Eltern die Abkehr vom Weinbau mitgeteilt. Auch wenn dies der schwierigere Weg war und ist. «Sie haben natürlich zuerst leer geschluckt. Dann hat der Vater gemeint, dass es durchaus einen Künstler in der Familie verträgt.» Über die Musik hat Erich Polz seine Frau kennen gelernt – noch so eine glückliche Fügung. Und: An seine Stelle im elterlichen Betrieb ist der Bruder getreten, «den mein Entschluss irgendwie befreit hat».

Und jetzt, nach Dirigierstudium und einigen Jahren Erfahrung kommt das Neujahrskonzert auf ihn zu. Zum St. Galler Programm hat Erich Polz die Steyrischen Tänze seines Landsmanns Joseph Lanner beigetragen. «Ich finde sie unfassbar toll», sagt er. «Lanner und die Strausse haben das Jahrhundert umspannt, Johann Strauss Vater hat bei Lanner in der Kapelle gespielt. Und aus dem Ländler hat sich der Walzer entwickelt. Beide kommen aus dem selben Tanzgefühl heraus.»

So ist in der alten k. u. k. Monarchie ein reiches und ganz eigenes musikalisches Universum entstanden, von dem man nur einen kleinen Teil kennt. Deshalb wird das St. Galler Neujahrskonzert auch bei dieser zwölften Auflage Bekanntes mit Unbekanntem mischen. Mit den ersten Proben ist Erich Polz ganz zufrieden. «Man spürt, dass das Orchester nicht zum ersten Mal ein solches Neujahrskonzert spielt», sagt er. Und: «Es hat mich sehr freundlich aufgenommen.» Für einen Dirigenten bedeutet das viel. «Denn wenn ein Orchester nicht will –oder nicht kann –, dann kann ich noch so schöne Ideen haben, und es nützt nichts.» Diese Ideen zu erklären sei schwer. «Man kann die Walzermusik nicht in Regeln packen, weil sie dann eine artifizielle Form annimmt, die nicht mehr lebt.»

Leben aber muss Musik, und zum Leben erwecken muss sie der Dirigent mit dem Orchester zusammen.

Rolf App

rolf.app@tagblatt.ch

Das Neujahrkonzert beginnt am Sonntag, 1. Januar, um 17 Uhr in der St. Galler Tonhalle – und wird ab 16 Uhr von TVO übertragen.