Statt Fernreisen: Peter K. Wehrlis «Agenda für immer» präsentiert literarische Schnappschüsse aus aller Welt

Kurz vor dem Lockdown ist im Orte Verlag Schwellbrunn Peter K. Wehrlis «Agenda für immer» erschienen. Es tröstet darüber hinweg, dass Reisen derzeit nur in Gedanken und Büchern möglich sind.

Bettina Kugler
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Weit gereist, geht er beim Schreiben nah heran für seine literarischen Momentaufnahmen: der Autor und Filmemacher Peter K. Wehrli.

Weit gereist, geht er beim Schreiben nah heran für seine literarischen Momentaufnahmen: der Autor und Filmemacher Peter K. Wehrli.

Bild: PD

Der Aufbruch, über den auf den ersten Seiten nachgedacht wird, liegt schon wieder Monate zurück. Wie anders die Welt noch war in der Nacht auf Neujahr 2020, als man gute Vorsätze ausgetauscht oder sich im Stillen zum Vorwurf gemacht hat, einmal mehr daran gescheitert zu sein! Durch die Erfahrung der globalen Pandemie verändert sich unwillkürlich der Blick auf die 366 Textminiaturen aus dem immensen Fundus eines Lebenswerkes, wie es der Zürcher Filmemacher und Autor Peter K. Wehrli in mehr als fünfzig Jahren geschaffen hat – seit er 1968 auf einer Reise im Orientexpress nach Istanbul den Fotoapparat vergass.

Was ihn im ersten Moment gründlich ärgerte, erschloss ihm bald eine ureigene und unverwechselbare Kunstform. Er begann, Schnappschüsse mit Worten einzufangen: in jeweils einem einzigen Satz ohne Prädikat, verschlungen, mit äusserster Genauigkeit beschreibend, über den Gegenstand hinausweisend. Statt eines Fotos: ein Gedankenblitz. So wuchs der Katalog aus zunächst «134 wichtigsten Beobachtungen während einer langen Eisenbahnfahrt» mit den Jahren zum «Katalog von allem» an, geformt aus dem Rohstoff des Lebens und Erlebens.

Im Detail rückt die Welt nahe

Aus diesem umfangreichen Katalog mit bislang 2222 Nummern hat Wehrli nun wiederum eine «Agenda für immer» zusammengestellt – Texte für jeden Tag eines (beliebigen) Jahres, geschrieben an diesem Tag, an einem der vielen Orte und entlegenen Weltwinkel, die der Autor als neugieriger Kulturvermittler und Brückenbauer bereist hat.

Peter K. Wehrlis «Agenda für Immer»: Ein literarisches Brevier für Kopfreisen, nicht nur in Coronazeiten.

Peter K. Wehrlis «Agenda für Immer»: Ein literarisches Brevier für Kopfreisen, nicht nur in Coronazeiten.

Erschienen ist das Buch kurz vor dem Lockdown im Appenzeller Orte Verlag: ein Brevier für scheinbar ereignislose Tage, mit luftig bedruckten Seiten. Da ist Platz für eigne Notizen, gesetzt den Fall, man vermag so genau hinzuschauen wie Peter K. Wehrli, im Alltäglichen das Besondere und Einzigartige aufzuspüren und im Detail Zusammenhänge, die ganze Welt. Man kann das Weiss aber auch als Freiraum der Fantasie sehen, als Gegengewicht zur sprachlichen Dichte der Texte.

Sinn für unauffällige Sehenswürdigkeiten

Es stellt sich beim Blättern sofort Fernweh ein, Reiselust, ein Hunger nach Welt und neuen Eindrücken abseits der ausgetretenen Pfade: Umso mehr, als die Grenzen derzeit geschlossen sind, Zuhausebleiben nach wie vor angesagt und erwünscht ist. Da heftet man sich gerne lesend dem Weltenbummler mit dem ausgeprägten Sinn für verkannte Denk- und Sehenswürdigkeiten auf die Fersen und lässt sich von ihm zum Hinschauen und Reflektieren einladen.

Wild springen die Einträge des literarischen Jahrbuchs zwischen den Zeiten und Kontinenten hin und her, kommen mal aus nächster Nähe, dann wieder aus Gegenden, die seinerzeit noch nicht so abgegrast und touristisch glattgebürstet waren wie heute fast jeder Flecken auf dem Globus.

Gerüche, Gestank und Gedankenschleifen

Nicht nur visuelle Eindrücke hat Wehrli aufgenommen und «katalogisiert», sondern auch Gerüche und Gestank, aufgeschnappte Wörter, etwa das aus der Mode gekommene «Papperlapapp», Begegnungen – oder Gedankenschleifen wie diese, unter dem Stichwort «das Andere»:

«dieses Andere, das ich gewinne, wenn ich verliere, dieses Andere, das das Andere ist als das, was ich gewinne, wenn ich siege.»

Ein wunderbar unbequemer, kluger Satz zum 28. Februar. Da lebten wir schon in Coronazeiten, und mancher Neujahrsvorsatz begann in unabsehbare Ferne zu rücken. Das Unauffällige aber will weiterhin entdeckt werden.

Peter K. Wehrli: Agenda für immer. 366 Nummern aus dem Katalog von allem. Orte Verlag Schwellbrunn, 367 S., Fr. 30.-

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