Ausfall
Statt einem Opernabend gab es Alkohol – das Coronavirus vereitelt auch die Eröffnung der Mailänder Scala

Unser Autor hätte für die Scala-Eröffnung am 7.12. den Hochzeitstag geschwänzt. Nach 29 Abenden in Mailand kam 2020 aber Covid-19.

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Dirigieren mit dem Rücken zur Bühne? Fürs Fernsehen bringt Riccardo Chailly selbst dieses Kunststück fertig.

Dirigieren mit dem Rücken zur Bühne? Fürs Fernsehen bringt Riccardo Chailly selbst dieses Kunststück fertig.

Brescia e Amisano ©Teatro alla Scala

Um 12 Uhr wurde ich nervös. Früher war ich das am 7. Dezember schon um 8 Uhr, sollte doch um 18 Uhr der Vorhang in der Mailänder Scala hochgehen, im schönsten Opernhaus der Welt. Die Saisoneröffnung am Tag des Stadtheiligen Sant’Ambrogio ist ein Opernfest, wie es keines auf der Welt gibt. Die Karten kosten dann 50 bis 2500 Euro, die Welt hört zu, Diven zittern vor Angst. Wären die Sänger Fussballer, hätten sie die Anzahl Eröffnungen auf den Oberarm tätowiert.

Nervös also eilte ich zu «Globus», um einen kleinen Trüffel zu kaufen. Ein Panettone musste auch in den Einkaufskorb, denn am 7.12. ist es in Mailand erstmals im Jahr erlaubt, dieses Gebäck zu essen: Im Opernfoyer gehört Panettone jeweils dazu wie der Franciacorta, der italienische «Champagner».

Marianne Crebassa als Carmen.

Marianne Crebassa als Carmen.

Teatro Alla Scala. / Teatro alla Scala.

An der Kasse im «Globus» merkte ich, dass ich mit irgendwelchen Ersatzhandlungen gegen etwas ankämpfte, das wohl nur mit einem Heulkrampf zu lösen wäre. Konnte dieser Abend nur mit Alkohol weggespült werden?

Seit 1991 hatte ich keine Saisoneröffnung verpasst, war 1992 zwei Nächte lang vor der Oper gestanden, um ein Stehplatzkarte für «Don Carlo» zu erhalten. Am Schalter war ich damals aber der glücklichste Mensch der Welt, die Schwarzhändler boten mir 500000 Lire für die Karte an. Nicht für das Doppelte hätte ich sie hergegeben.

Und jetzt stand ich in meiner Küche, suchte RAI 1, wo um 16.45 Uhr die Übertragung von «A riveder le stelle» beginnen sollte. 29 Mal war ich am 7.12. aus der Scala auf die Piazza getreten und hatte oft die Sterne gesehen. Drinnen hatten sie gesungen. 1999 war ich nach Riccardo Mutis «Fidelio»-Dirigat so berührt, dass ich nach dem Freiheitsjubel mit einem Freund, ohne ein Wort zu sagen, 20 Minuten lang rund um die Scala durch die Nacht irrte. Die Sterne wiedersehen – in einer TV-Operngala am Spätnachmittag, in Pantoffeln?!

Kristine Opolais oppulent inszniert.

Kristine Opolais oppulent inszniert.

Teatro Alla Scala / Teatro alla Scala

Ich schenkte mir einen Campari ein. Immerhin etwas Mailand im Glas.
Einst begann die Aufführung um 18 Uhr, das war sehr früh für italienische Verhältnisse, aber am 7. Dezember war nie etwas normal. Die Pausen dauerten ewig, damit sich auch jede Schönheit und jeder Minister sieben Mal im Foyer drehen konnte. Und nach Vorhangfall wollte man möglichst viel Zeit am Galadinner verbringen.

Heuer beginnt die Übertragung um 17 Uhr. Die zwei Moderatoren plappern für ein Millionenpublikum. «Als diese Musik geschrieben wurde, war das Pop», sagt die eine. In meiner Küche macht es «plopp», der Champagner ist offen. Eine «arte totale» verspricht man uns, ein von Davide Livermore inszeniertes Gesamtkunstwerk: Ballett, Musik und Prosa sollen sich vereinen.

Das Scala-Debakel von 1992

Das schauerliche «Rigoletto»-Vorspiel erklingt, ehe Luca Salsi wütend «Cortigiani, vil razza dannata» singt: «Höflinge, verdammte, niederträchtige Sippe!» Das klingt sehr forciert, sehr laut, und mir schwant Böses. Kurz darauf reisst auch noch Vittorio Grigolo den Mund auf. Wird am Ende gar Andrea Bocelli auf der Bühne stehen? Zum Glück taucht Ildar Abdrazakov ab in die dunkelschwärmerische Arie des Philippe aus «Don Carlo»: «Ella giammai m’amo» – «Sie hat mich nie geliebt»...

Schon leuchten alle roten Erinnerungslampen auf: Am 7.12.1992 war es, als ein «Don Carlo»-Debakel Mailand erschütterte: «Pavarotti zwischen den Piranhas» titelten die Zeitungen, ausgebuht der Superstar, die Sopranistin verspottet. Fels in der Brandung damals war Samuel Ramey als König Philipp, und sein «Ella giammai m’amò». Nachdem Dirigent Riccardo Muti zu Beginn des 3. Aktes ausgebuht worden war, trat der Amerikaner auf die Bühne und sang die Wunderarie so, wie sie in der Scala bis heute nicht wieder gehört wurde. Der Jubel war tumultartig.

Heute bleibt es still. Um die Leere zu vertuschen, rast man von einem Stück ins nächste. Der Schmerz des Philipp ist nicht verhallt, da drückt Verdi via Marchese di Posa schon auf die Tränendrüse: Ludovic Tézier singt tapfer – und wird erschossen. Die Stimmung steigt. Ab jetzt wird das Glas geleert, wenn einer den Operntod stirbt. Analog zum Trinkspiel beim Eurovision Song Contest: Kommt es da jeweils zu einer Modulation, wird das Glas gekippt. Es besänftigt den Horror Vacui.

«Oper ist ein reiches Spektakel, aber nicht für Reiche», sagt nun eine Schauspielerin. Das stimmt in Mailand: 10 Euro kostet der Eintritt in die obersten zwei Ränge, den sogenannten Loggione. Zugegeben: Am 7.12. waren es zwar auch schon 1991 den Studenten schmerzhafte 30 000 Lire. Später gar 50 Euro für den Stehplatz. Aber im Parkett kostete der Sitz 2019 rund 2500 Euro. Es war vorteilhaft, sass ich ab 1998 als Journalist im Theater. In der Pause aber kämpfte ich mich jedes Jahr hoch zu meinen Freunden, zu Gianni, Elbo, Nancy oder Claudia auf den Stehplätzen. Während vieler Jahre gab es 200 davon, seit der Renovation 2004 sind es noch 140. Heute Abend ist kein einziger besetzt, der Loggione ist leer.
Ich will gerade die Pasta vorbereiten, da zaubert Juan Diego Flórez «Una furtiva lagrima» auf die Bühne.

74 Scala-Jahre keine Zugabe

Ach, Flórez... Im Sommer 2007 entstand nach der Arie «Ah, mes amis!» ein kaum enden wollender Jubel – und Flórez wiederholte die Orgie der hohen C. Unerhört! Hatte je ein einzelner Sänger das von Dirigent Arturo Toscanini aufgestellte Zugabe-Verbot gebrochen? Die Callas? Die Pressefrau telefonierte nervös herum. Dann die Durchsage: «Das letzte ‹bis› hat Fedor Schaljapin im Jahr 1933 gegeben.»

Juan Diego Flórez sagte mir ein Jahr später in Interview: «An der Scala ist alles immer etwas anders, das Parkett applaudiert manchmal gar nicht; diese Abonnenten sind halt etwas snobistisch und setzen hohe Ansprüche. Bei dieser ‹Fille du Régiment›-Premiere schielte ich ab und zu ins Parkett und sah, dass da einige gar nicht zur Bühne schauten. Typisch Scala: mal so, mal so.» Als er es erzählte, musste er heftig lachen.

Die Mailänder mögen Snobs sein, aber sie sind da: Das spürt jeder Sänger. Oper ohne Publikum, das wird an diesem Abend schrecklich klar, ist überflüssig. Macht Opernfilme wie Ingmar Bergmann oder Joseph Losey, aber spielt nicht nur für eine Handvoll Kritiker. Lasst wenigstens ein paar Leute rein: Ohne Publikum ist alles nichts.

Die Übertragung plätschert dahin, es geht bergauf (Sonia Yoncheva), bergab (Roberto Alagna) – bis schliesslich der Höhepunkt folgt: Marina Rebekka als Madama Butterfly. Danach ist’s wieder still.

Grappa?

Meine 30. Saisoneröffnung ist aus, ich stehe nicht im schwarzen Anzug beim Apéro in einer Prachtshalle eines Palazzos, sondern erledige im Pulli ­Geschirrabwasch. Was soll’s. 2012 blieb ich nach einem fünfstündigen «Lohengrin» und dem Galadinner um 2 Uhr nachts zu zweit im Lift des Hotels «Star» stecken. Ich war bei aller Angst, da bis zum Morgen nicht mehr rauszukommen, sehr glücklich. In der Hand hielt ich eine von 2500 Nelken, die es damals beim Applaus auf die Interpreten herabgeregnet hatte. Sie liegt noch heute im Programm.