Startenor Piotr Beczala singt vielleicht bald Otello: «Ich würde mich schwarz schminken»
Interview

Startenor Piotr Beczala singt vielleicht bald Otello: «Ich würde mich schwarz schminken»

Bild: Julia Wesely

Piotr Beczala gehört zu den besten drei Tenören der Welt. Gelassen durchlebte er die Zeit des Lockdowns. Nächste Woche singt er zwei Mal im Opernhaus Zürich eine Gala. Und irgendwann wohl Verdis «Otello», den «Mohren von Venedig».

Christian Berzins
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Ein unkomplizierter und bescheidener Sänger? Lange wirkte Tenor Piotr Beczala, 53, so, gab acht, dass man von seiner Stimme und nicht von seinen Einkäufen sprach. Im Interview zeigt sich aber, dass er klare Prinzipien hat und seinen Starstatus ohne falsche Scheu nutzt.

Ein Geständnis: Ich hätte im Jahr 2000, als Sie oft in Zürich sangen, nie gedacht, dass sich Ihre Stimme so prächtig entwickelt. Sie schon?

Piotr Beczala: Nein, das habe ich auch nicht gedacht. Im Jahr 2000 sang ich da und dort, war in Zürich im Ensemble und schaute nicht weit in die Zukunft. Man soll sich immer weiterentwickeln, aber keiner kann wissen, wie meine Stimme in zehn Jahren klingt. Damals nicht und jetzt nicht.

Im Januar 2000 spielte Piotr Beczala am Opernhaus Zürich die Rolle des Alfred aus der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauss.

Im Januar 2000 spielte Piotr Beczala am Opernhaus Zürich die Rolle des Alfred aus der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauss.


Bild: Keystone

Jetzt aber müssen Sie sehr weit vorausplanen. Stimmt es, dass es auf Ihrem Niveau mittlerweile bis fünf Jahre sind?

Ja, und das ist sogar eine kleine Hilfe, da ich nun sehr genau überlegen muss, was ich wann will – und kann. Als meine Karriere begann, war es noch nicht so. Damals in Zürich um die Jahrtausendwende plante ich zwei Jahre voraus …

… und sollten wissen, was Sie in fünf singen würden?

Ich arbeitete jedenfalls von Beginn weg, seit 1992, mit einem Gesangscoach zusammen: Mit ihm ging ich gewisse Szenarien durch. Ich bin mir sehr bewusst, was ich kann und – viel wichtiger – was nicht. Ich habe viele Dinge ausprobiert und merkte: Ich muss diesen Betrieb sehr sachlich betrachten. Die Gesangskunst und die Emotionen gehören auf die Bühne, und was man in den Kalender schreibt, ist eine rationale Geschichte. Daran kann man nicht mit Emotionen gehen, sonst bezahlt man dafür.

Wichen Sie dem Risiko aus?

Nein, auch das ist falsch: Jede Vorstellung ist ein Risiko, und den Elvino in Bellinis «Sonnambula» neben Edita Gruberova zu singen, war ein grosses. Ich hatte keine Erfahrung mit so grossen Belcanto-Rollen. Ich freute mich über das Vertrauen der Chefetage, aber das kostete mich sehr viel Arbeit.

Zur Person

Piotr Beczala – Opernsänger

Piotr Beczala – Opernsänger

Der Tenor wurde 1966 in Polen geboren, nach dem Studium in Kattowitz erhielt er Engagements in Linz (1992–1997) und Zürich (ab 1997) – gleichzeitig startete seine internationale Karriere: Salzburg, Berlin, Wien und London, kurz, die ersten Opernhäuser der Welt rissen sich um ihn. 2018 debütierte er als Lohengrin in Bayreuth.

Erlebten Sie die Opernwelt in den letzten 25 Jahren als schön?

Es ist immer das Gleiche geblieben: Man muss als Gastsänger Glück mit den Kollegen haben. Heute werde ich oft gefragt, mit wem ich arbeiten möchte. Oder, eher, mit wem nicht. Damals war es eine Glückssache, ob man in einer guten Produktion – mit tollem Regisseur, guten Dirigenten und Sängern – landet. Damals konnte man nicht alles googeln. Heute weiss man, mit wem man es zu tun hat.

Was tun, wenn Sie Zweifel haben, ob jemand richtig besetzt ist?

Dann sage ich das. Es ist weder böse noch divenhaft. Aber wenn eine sehr gute Mimi plötzlich Turandot singen soll, dann äussere ich meine Zweifel.

Ihr Kollege Jonas Kaufmann hat vor zwei Jahren kritisiert, dass viel zu lange szenisch geprobt werde. Empfinden Sie ähnlich?

Da sind wir Sänger alle gleicher Meinung. Man muss unterscheiden zwischen einer logischen «Bohème»-Produktion, die man in zwei Wochen auf die Bühne bringen kann, oder einer komplizierten Inszenierung der «Meistersinger von Nürnberg». Ich kann vier, maximal fünf Wochen für eine Neuproduktion opfern. Die Inhalte, die ein Regisseur wälzt, interessieren mich nur bedingt, wenn ich auf der Bühne doch nur einfache Bewegungen zu machen habe.

Das heisst: Sie müssen nicht den Dramaturgentext aus dem Programmbuch inszenieren?

Genau. Und ich bin auch jemand, kenne meine Rolle bestens. Und klar: Ein Regiekonzept kann von dem abweichen, was der Komponist gemeint hat, aber ich bin für einen «Rigoletto» engagiert, nicht für eine andere Oper. Wenn eine Probezeit über fünf Wochen geht, ist das Opernhaus schlecht organisiert oder das Konzept so weit vom Original entfernt, dass man besser gar nicht zusagt. Das sind Überlegungen, die man sich vor dem Unterschreiben des Vertrages machen muss.

Sie zeigen auf Ihrer CD und auf der Bühne neue, stimmgewaltige Rollen von Verdi und Puccini, erfüllen sich gewisse Wünsche. Ist auf der Liste auch Otello?

Die Antwort ist sehr schwierig. Es reizt mich, denn die Rolle ist stimmlich und psychologisch hochinteressant. Mit der ganzen Rassismus-Diskussion ist es kompliziert geworden, diese Oper heute aufzuführen. Es ist lächerlich, dass man sich nicht mehr vorstellen kann, Otello in einem Theater schwarz zu schminken. Jemandem verbieten, sich schwarz anzumalen, wenn er Otello singt? Verbieten, einer Butterfly Schlitzaugen zu malen? Das ist schwach, selbst wenn es Gründe dafür gibt.

Sie würden sich schwarz schminken lassen?

Ja, für mich ist eine «Otello»-Inszenierung von Franco Zeffirelli ein Ideal, so, wie ihn Placido Domingo in den 1980ern singen durfte. Ein Otello im grauen Anzug statt schwarz geschminkt ist für mich, selbst von intellektueller Seite her betrachtet, nicht reizvoll. Verdis Musik bleibt, gewiss, aber für mich besteht Oper nicht nur aus Musik, auch nicht nur aus Schauspiel. Meinetwegen lassen wir das Schiff weg. Aber es gibt visuelle Reize, die aufs Publikum wirken, sie verdreifachen den Effekt. Dazu gehört die schwarze Haut Otellos. Das Visuelle entfacht den Zauber der Emotionen.

Domingo sagte, dass er sich zu Beginn nicht sehr dunkel schminken liess. Dann aber merkte er, dass die Tragik dieser Figur in der Farbe seiner Haut liegt, sie macht ihn zum Aussenseiter. Und er schminkte sich je länger, je dunkler.

Selbstverständlich! Die Leute vergessen immer die Vorgeschichte: Warum wurde Otello zu einem solchen Menschen? Er musste drei Mal so viel schuften, weil er schwarz war. Heute wird alles viel zu direkt, viel zu einfach umgesetzt. Das ist schade. Oper ist ein Gesamtkunstwerk, jedes Element zählt – auch der schwarze Titelheld.

Noch vor wenigen Jahren war es üblich, dass sich Weisse für die Rolle des Otellos schwarz schminken. Hier zum Beispiel Sänger Jose Cura 2011 bei einer Probe im Opernhaus Zürich.

Noch vor wenigen Jahren war es üblich, dass sich Weisse für die Rolle des Otellos schwarz schminken. Hier zum Beispiel Sänger Jose Cura 2011 bei einer Probe im Opernhaus Zürich.

Bild: Keystone

Wegen des Coronavirus schauen wir speziellen Konzerten entgegen: In Salzburg werden extreme Sicherheitsbedingungen gelten, in Zürich wird bald das Orchester via Elektronik ins Haus gebracht. Wie sehen Sie diese Konzerte?

Ich hatte mich damit abgefunden, dass alles gestrichen wird, meine Frau und ich genossen das Leben in unserem Haus in Polen. Und plötzlich kommen diese Lockerungen. Ich verstehe die Restriktionen, statt 1000 etwa 500. Aber man darf nicht übertreiben. Ich verstehe die Idee nicht dahinter.

Sie wirken gelassen, singen mal eine Gala da, eine dort …

Ich rege mich niemals über Sachen auf, auf die ich keinen Einfluss habe. Ich bin in einer schönen Situation: Sobald irgendwo gespielt wird, erhalte ich ein Angebot. Als klar war, dass die «Aida» in New York wegfallen würde, erhielt ich Anrufe für neue Produktionen. Nun singe ich in Warschau den «Werther».

Schön für Warschau! Andere Sänger klagen.

Diese Zeit ist für viele Kollegen schwierig. Wenn einer gerade ein Haus gekauft hat, nun Geld braucht, dann gibt es ein Problem. Damit muss man aber auch umgehen können.

In Zürich wird ab Herbst das Orchester elektronisch ins Haus kommen, spielen wird man am Kreuzplatz. Ist das eine gute Idee?

Ich verstehe es, aber hoffen wir, dass es nicht länger als einen Monat dauern wird. Livemusik ist Livemusik: Alle Versuche mit Lautsprechern sind eine halbe Lösung. Wir Künstler dürfen nicht zulassen, dass das zur Normalität wird, müssen klarmachen, dass diese Lösungen für den Übergang gemacht sind. Sobald Normalität einkehrt, muss man damit aufhören. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das wird, wenn der Dirigent vom Kreuzplatz aus die Sänger leitet. Oder steht er im Orchestergraben? Auf Dauer geht das nicht.

Operettengala innerhalb des Saisonfinales am Opernhaus Zürich (Beginn 4. Juli): Camilla Nylund & Piotr Beczała: Opernhaus Zürich, 11. Juli, 19 Uhr, und 12. Juli, 18 Uhr.
CD: Vincero, Pentatone 2020
The French Collection, Deutsche Grammophon 2015

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