Verstörend und gleichzeitig ästhetisch: Steve McCurry macht auch aus den grössten Tragödien kunstvolle Bilder

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Verstörend und gleichzeitig ästhetisch: Steve McCurry macht auch aus den grössten Tragödien kunstvolle Bilder

Bild: Andy Juchli

Der umstrittene amerikanische Starfotograf Steve McCurry zeigt in Zürich seine schrecklich ästhetischen Bilder. Sie stellen dem Publikum die Gretchenfrage: Muss eine Fotografie wahr sein oder attraktiv?

Daniele Muscionico
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Bis vor wenigen Jahren war die Sache klar. Alle jubelten, wenn der amerikanische Magnum-Fotograf Steve McCurry wieder neue Bilder aus entlegenen Weltgegenden und von letzten Volksstämmen zurück in die Zivilisation brachte.

Der Amerikaner, heute 70 Jahre alt, galt Jahrzehnte als Gott der ikonischen Fotografie. Denn er war der Schöpfer der Welt, wie wir sie uns wünschen. Fremd und doch nah, exotisch und doch vertraut zeigte er sie uns wie unser bester Freund und Reiseleiter. Und stets war diese Welt*heil wie vor dem Sündenfall von Adam und Eva.

Baobab Bäume, 2019. In Morondava, Madagaskar, rennen Buben mit ihren Reifen über die «Baobab Avenue».

Baobab Bäume, 2019. In Morondava, Madagaskar, rennen Buben mit ihren Reifen über die «Baobab Avenue».

Bilder: Steve McCurry

Denn die Welt im Sinne von Steve McCurry gleicht einem verlorenen Paradies. Wer sich in seine Bilder fallen lässt, fällt in der Zeit zurück, landet sanft auf indischen Seidenstoffen und in übersatten Farben.

Und selbst als im Golfkrieg 1991 die Ölfelder brannten, der Himmel das Inferno in Schwarz spiegelte, als zahllose Tiere verbrannten, Kamele hungers starben – McCurry fand einen Weg, das Elend in Schönheit umzumünzen.

«Kamele im Feuer,» 1991. Auf den brennenden Ölfeldern während des Golfkrieges in Kuwait suchen die Tiere erfolglos nach Futter.

«Kamele im Feuer,» 1991. Auf den brennenden Ölfeldern während des Golfkrieges in Kuwait suchen die Tiere erfolglos nach Futter.

Bilder: Steve McCurry

Sein Bild «Kamele im Feuer» fing die Schönheit des Schreckens ein. Und auch den Lebenswillen der Kreatur. Doch Stunden später hätte der Fotograf ein ganz anderes Bild, den wahren Horror festhalten können, hätte er denn gewollt. Die Anstrengung der Kamele nämlich war erfolglos. Schon bald sollte es vom Himmel Öl regnen, und die Tiere verbrannten bei lebendigem Leib.

Ein namenloses Mädchen ist sein Friedensengel

Steve McCurry selbst ist längst unsterblich, und er wurde es mit dem Bild, das unter dem Titel «Das afghanische Mädchen» bekannt ist. Im Auftrag von «National Geographic» fotografierte er in einem afghanischen Flüchtlingslager am Rand von Peshawar, als er die smaragdgrünen Augen eines Waisenkindes entdeckte. McCurry schoss – mit seiner Kamera.

«Das afghanische Mädchen», 1984. Ihr eindringliche Gesicht verhalf McCurry zu Weltruhm. Die Kriegswaise Sharbat Gula wurde zum Symbol des Leidens ihres Volkes.

«Das afghanische Mädchen», 1984. Ihr eindringliche Gesicht verhalf McCurry zu Weltruhm. Die Kriegswaise Sharbat Gula wurde zum Symbol des Leidens ihres Volkes.

Bilder: Steve McCurry

Im Juni 1985 war das Porträt auf dem Titel des Magazins, verkaufte sich über mehrere Millionen Male – und McCurry war der Held. «Das afghanische Mädchen» wurde zum Gesicht des zivilen Leidens im afghanischen Krieg jener Zeit.

Zwölf Jahre später gelang es, das damalige Mädchen aufzuspüren. Sie wusste nichts von ihrer Berühmtheit, sie kannte selbst ihr Alter nicht, sie war mit wahrscheinlich kaum 40 Jahren eine gebrochene Frau und Mutter mehrerer Kinder.

Erst jetzt wurde bekannt, wie sie heisst: Sharbat Gula. Der Fotograf, Steve McCurry, hatte es nicht für notwendig gehalten, das Kind damals nach ihrem Namen zu fragen.

Solche Geschichten hinter den Bildern erhielten 2016 eine Spitze, und seitdem hat das Guru-Image von McCurry einen irreparablen Riss. Der Fotografieblog Peta Pixel veröffentlichte vor fünf Jahren Aufnahmen, die eindeutig verrieten, dass der Fotograf seine Bilder digital in einem Masse bearbeitet hatte, die mit fotojournalistischen Kriterien nicht mehr vereinbar sind.

Die Pulitzerpreisträgerin Candice Cusic warf ihm konkret vor, er ziehe die ästhetische Perfektion der Wahrheit vor. Steve McCurry freilich hält bis heute dagegen: Das «Echte» in der Fotografie sei relativ, und was real sei und was nicht, liege im Auge des Betrachters. Ein Beispiel dafür sind seine Aufnahmen vom 11. September und vom Ground Zero in New York.

Die Apokalypse trägt einen Heiligenschein

McCurrys Aufnahmen direkt nach dem Einsturz der Türme sind in ein derart unwirkliches Licht getaucht, dass der terroristische Akt dahinter zurückweicht und die Apokalypse eine Gloriole zu tragen scheint. Ob Steve McCurry einfach nur das Schöne sieht, oder ob seine Inszenierungen einem bewussten Plan folgen, weiss nur er.

Die Frage geht unmittelbar an die Betrachter seiner Bilder, und an journalistischer Fotografie überhaupt: Was macht uns, dem Publikum, denn eine Fotografie attraktiv, das Schöne oder der Schrecken? Die Ästhetik des Elends jedenfalls ist das Geschäft, das mit unserer Lust am Voyeurismus Handel treibt.

Der legendäre McCurry ist ein Popstar seines Standes. Kratzer hin oder her, denn auch die rühmliche Agentur, der er angehört, hat ihm offenkundig verziehen.

Steve McCurry, Geschichtenerzähler und Poet. Doch wie viel Poesie braucht die Wahrheit - bis sie zur Lüge wird?

Steve McCurry, Geschichtenerzähler und Poet. Doch wie viel Poesie braucht die Wahrheit - bis sie zur Lüge wird?

Bild: Marco Casino

Gegenwärtig sind weltweit mehrere McCurry-Ausstellungen unterwegs. In einer renommierten Galerie in Iran genauso wie in Trentino in Italien, im Ernst-Leitz-Museum in Wetzlar in Antwerpen – und nun auch, nicht zum ersten Mal allerdings, in Zürich.

Es sind über 150 Bilder aus über 40 Jahren, die in der Maag Halle das Universum des Steve McCurry erstrahlen lassen, als wäre das Böse wie das Leiden noch nicht erfunden. Zeitlose Zeitkapseln, Porträts und Landschaftsaufnahmen aus allen Kontinenten, stilisiert ins Bild gesetzt und mit Komplementärfarben ausgemalt -es ist elend schwer, sich dem Reiz dieses magischen Bilderspektakels zu entziehen.

Doch muss man denn? Man muss das auf keinen Fall, im Gegenteil sogar. Das Phänomen McCurry lehrt uns, Bilder sehen zu lernen. Und wer wenn nicht wir, die wir alle Fotografen sind, weiss: Wer die Wahl hat zwischen Wahrheit oder einer schönen Lüge, wählt für ein gutes Bild stets das Letztere.

«The World of Steve McCurry», Maag Halle Zürich, bis 20.10. 2021. McCurrys Bücher sind bei Phaidon erschienen.