Interview

Star-Geiger Nigel Kennedy: «Eine gute Rösti ist das Grösste!»

Er ist das Enfant terrible der klassischen Musik. Diesen Sonntag tritt der Star-Geiger Nigel Kennedy in Luzern auf. Er erklärt, was Yehudi Menuhin den Beatles voraushatte, warum er noch nie eine E-Mail geschrieben hat – und er gesteht seine Liebe zu Kartoffeln.

Interview: Katharina Thalmann
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Nigel Kennedy führt verschiedene Stile zusammen. In Luzern Bach mit Gershwin.

Nigel Kennedy führt verschiedene Stile zusammen. In Luzern Bach mit Gershwin.

Bild: Camera Press/Keystone

Wenige Tage vor seinem Luzerner Konzert weilt Nigel Kennedy noch in London: «Ein wunderbarer Tag, es regnet in Strömen!» Er klingt gut gelaunt, hört aufmerksam zu, und sein britischer Humor bringt ihn immer wieder selber zum Lachen. Klingt so ein 63-jähriges Klassik-Enfant-Terrible? Offenbar. Erwartungen an seine Person machen ihm ohnehin nicht mehr viel aus.

Der Titel Ihres Programms ist «Bach meets Gershwin», Ihre jüngste Platte heisst «Kennedy meets Gershwin». Weshalb sind solche musikalischen Meetings wichtig für Sie?

Nigel Kennedy: Ich versuche, Verbindungen zwischen sogenannten unterschiedlichen Musikstilen zu schaffen. Bach und Gershwin waren beide grossartige Tastenkünstler. Und bei beiden spielt Improvisation eine wichtige Rolle. Ich suche nach dem grösstmöglichen Kontrast innerhalb eines Konzerts, aber will auch, dass die einzelnen Ereignisse miteinander verlinkt sind.

Sie spielen auch eine eigene Komposition: «The Magician of Lublin» ist die Vertonung des gleichnamigen Romans von Isaac Bashevis Singer. Er erzählt die Reise des Lebens- und Liebeskünstlers Jascha Masur, der durch Polen zieht. Was hat Sie an diesem Stoff inspiriert?

Singer ist ein wunderbarer Autor, er beschwört in dem Buch all die jüdischen Gemeinschaften herauf, die in Polen gelebt haben. Ich selbst lebe ein paar Stunden von Krakau entfernt in den Bergen. Ich warte, bis die Hampelmänner in England ihre Brexit-Misere gelöst haben. Die ganze Geschichte mit der Königsfamilie, die momentan alle in Atem hält – das ist doch nur ein Ablenkungsmanöver, dass die Leute nicht nach den wirklich wichtigen Dingen fragen. Wieso können wir nicht einfach Politiker haben, die sich darum kümmern, dass es den Menschen gut geht? Ich habe keine Lust, von selbstsüchtigen Leuten umgeben zu sein. Sorry, wie lautete die Frage?

Was hat Sie an den Abenteuern von Jascha Masur gereizt?

Als ich dieses Buch las, interessierte ich mich schon sehr für die jüdische Community. Ich spiele seit vielen Jahren Klezmer-Musik, und einige dieser Melodien kommen ursprünglich aus Polen. Singer hat ein solches Talent, Geschichten zu erzählen – seine Worte haben sofort Melodien in meinem Kopf provoziert. Insgesamt hat «The Magician of Lublin» fünf Sätze, die aber durch eine zentrale Idee verbunden sind.

Was muss Ihre Band können, um Ihre Musik zu spielen?

Nun, es ist akustische Musik, da ist kaum elektronisches Zeug im Spiel. Trotzdem kennt sich mein Gitarrist auch mit Jimi Hendrix oder Django Reinhardt aus. Es ist grossartig, mit flexiblen Musikern zu arbeiten. Meiner Meinung nach gibt es heute keine Entschuldigung mehr dafür, sich von stilistischen Referenzen einengen zu lassen: Wir kommen so leicht mit so viel Musik aus anderen kulturellen Umfeldern in Berührung, von der wir lernen können. Gerade gestern fuhr ich nach einem Fussballspiel in Birmingham mit dem Taxi. Der Fahrer war Pakistani, und er hat mir seine Musik vorgespielt. Das war magisch, diese Rhythmen!

Infobox: Mit «Vier Jahreszeiten» die klassische Musik auf den Kopf gestellt


Nigel Kennedy, 63, ist der Prototyp des Klassik-Enfant-terrible: Er trägt seit eh und je eine Irokesenfrisur und flamboyante Outfits, kultiviert in jedem Satz englische Kraftausdrücke und trinkt gern Champagner. Seine Aufnahme von Vivaldis «Vier Jahreszeiten» sprengte 1989 sämtliche Verkaufsrekorde von klassischen Platten. Bis heute ist sie das meistverkaufte Klassikalbum aller Zeiten. Kennedy scheute nie vor Crossover zurück; zu seinen Einspielungen gehören nebst den grossen klassischen Werken für Violine auch Jazz- und Pop-Alben. Diesen Sonntag spielt er im KKL Luzern. Das Konzert beginnt um 17 Uhr – «Zeit für Frühstück ...», Kennedy spielt lieber nachts. (mst)


Sonntag, 26. Januar, 17 Uhr Nigel Kennedy: Bach meets Gershwin Tickets unter www.kkl-luzern.ch oder www.swissclassics.ch

Eine Entschuldigung fällt spontan ein: Sie heisst Marketing in der Musikindustrie. Nur wer ein klares Programm hat, kann reüssieren, sagt man.

Das ist, als würde der Schwanz den Hund wedeln. Nein, es muss umgekehrt sein: Wir können nicht zulassen, dass das Affentheater im Business den Musikern diktiert, was sie zu tun haben. Ohne Musiker gäbe es keine Geräusche, die man verkaufen kann. Marketing ist eine traurige Angelegenheit. Und ich glaube, es ist irgendwie auch meine Schuld. Mir ist es zwar gelungen, 1989 mit den «Vier Jahreszeiten» etwas Neues zu tun. Aber wenn das zu einer Musikwelt geführt hat, in der Marketing wichtiger ist als Musik …

Das ist sicher nicht nur Ihre Schuld. Die digitalen Medien beispielsweise haben sicherlich auch das Ihrige zum Einfluss von Marketing auf die Musikwelt beigetragen.

Für mich ist der Computer der Feind. Ich habe noch nie eine E-Mail geschrieben. Es ist ja auch symptomatisch, dass das beliebteste Foto heute das Selfie ist. Diese Selbstbesessenheit hält die Leute davon ab, einander zu schätzen. Der Computer hat also nicht zu einem grösseren Verständnis beigetragen, sondern zu extrem engstirnigen Vorurteilen des Publikums: Sie meinen, immer zu wissen, was sie kriegen werden. Das gilt übrigens nicht nur für Klassik, sondern auch für Jazz und grosse Stadionkonzerte.

Über Ihre Metamorphose zum Klassikrebell Ende der Achtzigerjahre sagten Sie letzten Sommer in einem Interview: «Ich wollte nicht mehr nicht ich selbst sein.» In diesem Video trinken Sie übrigens ein Glas Champagner. Können Sie das ausführen?

Erstens: Ich habe den Champagner nur zu Marketingzwecken getrunken! Was auch immer das für eine Marke war: Die war gut, sehr zu empfehlen! Jetzt zur Frage: In den ersten Jahren meiner Karriere habe ich versucht, bestimmte Erwartungen zu erfüllen. Würde ich der nächste Isaac Stern werden? Oder der nächste Nathan Milstein? Erst in meinen späten Zwanzigern habe ich gemerkt: Ich bin der erste und einzige Kennedy-Typ! Und Yehudi Menuhin ist der absolut einzige Menuhin-Typ. Wussten Sie, dass er Indien entdeckt hat, bevor die Beatles wussten, wo Indien liegt? Er war dort in den 1950ern einer der ersten Europäer, der Yoga praktizierte. Was war die Frage?

Wie haben Sie sich dazu entschlossen, nicht mehr nicht sich selbst sein zu wollen?

Richtig. Ich hatte Glück und fand in dieser Zeit einen Manager, der sehr gut war. Er marschierte in die EMI-Büros (EMI war von 1984 bis 2011 Kennedys Plattenlabel, Anm. d. Red.) und sagte: Wollt ihr 5000 Platten mit Kennedy als Menuhin verkaufen oder zwei Millionen mit Kennedy als Kennedy? Er gab mir das Selbstvertrauen, mich selbst zu sein. Wir wissen es ja eigentlich alle: Unsere Freunde mögen uns als die Person, die wir sind, und nicht als die Person, die wir vorgeben zu sein.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Sie gerade mit Ihrem nicht auf Kommerz ausgerichteten Ansatz – nämlich die Authentizität um jeden Preis – kommerziell so erfolgreich wurden.

Ja, das klingt wie ein Witz, oder? Diese Münze hat zwei Seiten: Auf mein Leben hatte das den Effekt, genau das spielen zu können, was ich will. Andererseits wurde und wird meine Karriere als Schablone, als Vorlage für junge Karrieren benutzt.

Um nochmals zu den Erwartungen zurückzukommen: Haben Sie nicht den Eindruck, dass man jetzt von Ihnen anstelle eines braven Anzugs eben eine wilde Frisur und ein löchriges Fussballshirt erwartet? Die Erwartungen also nicht verschwunden sind, sondern sie sich einfach verschoben haben?

Als ich vor fünf oder sieben Jahren das erste Mal meine Haare kurzgeschnitten habe, sah ich aus, als wenn ich gerade aus dem Gefängnis entkommen wäre. Ich wohnte damals in einem kleinen Dorf in Oxfordshire. Die Leute haben die Strassenseite gewechselt, wenn sie mich kommen sahen! Es ist also schon wichtig, wie man aussieht. Im Ernst: Natürlich erwarten die Leute etwas. Aber wenn deine Persönlichkeit komplett deckungsgleich mit deinem Fingerabdruck ist, hast du keinen wirklichen Grund, dich zu ändern. Deswegen machen mir die Erwartungen nicht mehr so viel aus.

Sie touren jetzt schon einige Zeit mit Ihrem Gershwin-Programm. Was sind Ihre nächsten Unternehmungen?

Ich versuche, ein neues Violinkonzert zu schreiben. Alle Ideen sind schon da, aber auf die Inspiration warte ich noch. Ich muss wohl einfach zurück in die polnischen Berge und warten, bis sie kommt. So lange baue ich weiterhin Kartoffeln in meinem Gemüsegarten an. Kartoffeln sind mein Lieblingsessen, eine gute Rösti ist das Grösste!