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STANDARDWERK: Rückkehr eines Sprachmeisters

Eduard Engel schrieb 1911 seine «Deutsche Stilkunst» – in Nazi-Deutschland verschwand das Buch und wurde ausgeplündert. Nun ist das Original zurück; die Einleitung dazu stammt von Stefan Stirnemann.
Bettina Kugler
Eduard Engel, gezeichnet von Ismael Gentz, Berlin 1890. (Bild: Die Andere Bibliothek/PD)

Eduard Engel, gezeichnet von Ismael Gentz, Berlin 1890. (Bild: Die Andere Bibliothek/PD)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

So schön kann Wiedergutmachung aussehen: Knapp tausend Seiten, verteilt auf zwei seidig glänzende Bände im Schuber, gestaltet mit einer Sorgfalt wie in Zeiten, als Bücher noch gesammelt wurden und die Privatbibliothek etwas aussagte über den Menschen, der sich damit umgab. Lange war Eduard Engels «Deutsche Stilkunst», Lebens- und Meisterwerk eines überaus gebildeten, belesenen Kenners der deutschen Sprache, verloren und aus dem Blick gerückt. Jetzt ist das Buch zurück und lädt dazu ein, sich darin festzulesen und zu staunen über den immensen Schatz der Sprache.

Dass dieses Standardwerk für richtigen und schönen Ausdruck wieder greifbar ist, in bibliophiler Ausstattung mit rotem Lesebändchen in der Reihe der «Anderen Bibliothek» Berlin, verdankt sich dem forschenden Engagement des Ostschweizer Altphilologen Stefan Stirnemann. Die Sache beschäftigt ihn seit etwa fünfzehn Jahren – seit er im Antiquariat eine ausgemusterte Schülerausgabe der «Deutschen Stilkunst» aus den 1930er-Jahren entdeckte.

Ein Hobbyautor schreibt bei Engel ab

Für Stirnemann ist der Fall Engel ein empörendes Beispiel geistiger Enteignung im 20. Jahrhundert; eines, das mindestens so viel Aufmerksamkeit verdient hätte wie all die in den letzten Jahren aufgedeckten Schlampereien deutscher Spitzenpolitiker bei der Abfassung ihrer Dissertation, ihre Lässigkeit beim Nachweis von Zitaten, die Übernahme von Gedanken und Beispielen. Erstmals erschienen 1911, brachte es Eduard Engels «Deutsche Stilkunst» auf über dreissig Auflagen bis 1931. Es war die Summa eines Sprach- und Literaturwissenschafters mit Leidenschaft, eines gereiften Büchermenschen und Praktikers. Dann kamen die Nationalsozialisten – und Engel, Patriot durch und durch, jedoch jüdischer Herkunft, wurde Opfer des rassistisch begründeten Publikationsverbots, wie etliche Geistesgrössen und Wissenschafter.

«Ein 1000-seitiges Sprachvergnügen»

Das Buch, «Mutter aller Stilbibeln», verschwand und erschien 1943 in fremdem Gewand. Es hiess fortan lediglich «Stilkunst»; als Verfasser stand Ludwig Reiners auf dem Titel. Reiners war als Sonntagsschriftsteller überaus erfolgreich; im Hauptberuf leitete er eine Garnfabrik. Neben der «Stilkunst» ist bis heute vor allem seine Lyriksammlung «Der ewige Brunnen. Ein Hausbuch deutscher Dichtung» bekannt.

Reiners schrieb nicht offensichtlich bei Engel ab, betont Stefan Stirnemann. Er «zog in Engels Buch wie in eine arisierte Wohnung», so schreibt er in der Einleitung der Neuausgabe. «Er veränderte manches, verschob Möbel, hängte Bilder um und brachte anderes Gut und Hausrat mit.» Reiners übernahm jedoch auch einige Fehler, die deutlich auf Eduard Engel hinweisen. «Mir kam das Buch von Reiners immer ein wenig glatt und oberflächlich vor», sagt Stirnemann.

In mehreren Artikeln hat er lange vor Erscheinen der Neuausgabe auf die Zusammenhänge zwischen der «Deutschen Stilkunst» und ihrem Abklatsch aufmerksam gemacht. Stirnemann zielt nicht in erster Linie auf einen Literaturskandal, mag er auch deutliche Worte dafür in seiner Einleitung finden. Er nennt Reiners’ «Stilkunst» eine «Verballhornung», den Plagiator einen «nationalsozialistischen Plünderer»: eine Kraft- und Saftsprache, die Engels wohl gefallen hätte, ginge es nicht just um die Ausbeutung seines Lebenswerks.

Statt blosser Empörung wünscht Stefan Stirnemann dem Original vielmehr die Beachtung und Anerkennung, die es verdient. Dass die «Welt» in ihrer Besprechung der Neuausgabe von einem «1000-seitigen Sprachvergnügen» schreibt, freut ihn enorm. «Das Buch ist wieder da, nun kann es jeder mit Reiners vergleichen und sich ein eigenes Bild machen», sagt Stirnemann. In Zeiten der Kurz- und Kürzestnachrichten aus halbfertigen, verstümmelten Sätzen, vermischt mit modischen Anleihen von überall her, dürfte das Nachdenken über klare, verständliche und wohlklingende Schriftsprache keineswegs schaden. Beginnen kann man überall, auswählen nach persönlichem Interesse.

«Man kann das Buch als Wegweiser durch das Schatzhaus der deutschen Literatur seit Luther lesen», schreibt Gert Ueding, Germanist und emeritierter Professor für Rhetorik. Auch er nennt Ludwig Reiners einen «geistigen Kriegsgewinnler» auf Kosten von Eduard Engel.

Gegen Bandwurmsätze und aufgeblasene Wörter

Welche Sprengkraft das Buch schon 1911 hatte, mag man am ersten Satz ablesen. In seiner kategorischen Aussage erinnert er an den Sprachgestus, mit dem Rousseau seine Abhandlungen gern einzuleiten pflegte: «Unter allen schreibenden Bildungsvölkern sind die Deutschen das Volk mit der schlechtesten Prosa.» Die darauf folgenden zehn «Bücher» und ihre «Abschnitte» (Engel meidet wo immer möglich Fremdwörter) wollen dies ändern und zeigen mit einer Fülle von Beispielen, was gute Prosa ist – und was nicht. Engels Hauptanliegen sind Klarheit und Verständlichkeit, die Nähe zur guten Rede. «Fremdwörterei», mit der sich der Schreiber oder Redner wichtigmachen oder Zusammenhänge vernebeln will, sind ihm ein Gräuel, abstrakte Begriffe und Bandwurmsätze ebenfalls.

Demokratie lebt von verständlicher Sprache

«Engel trägt sein Anliegen bescheiden, aber eindringlich vor», sagt Stefan Stirnemann. «Er selbst schreibt klar und versucht nicht, dem Leser etwas vorzumachen.» Mit seinem Purismus und seiner Vaterlandsliebe sei er in ein schiefes Licht geraten – dabei vertrete Engel zeitlose Grundsätze. Es sei ihm um Volksbildung gegangen. Deren Grundlage ist «Klartext» im besten Sinne des Wortes, bis heute. «Demokratie lebt davon, dass die Menschen Zusammenhänge verstehen.» Zu einfache Antworten sind damit freilich nicht gemeint.

Ein Meisterkurs in Deutsch – Eduard Engels «Deutsche Stilkunst». Szenische Lesung mit Musik. Sa, 22.4., 17 Uhr, Villa Seeburg, Uttwil

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