Städtisches Wuchern im Thurgau

In ihrem neuen Buch «Jan, Janka, Sara und ich» lässt die Müllheimer Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse vierundzwanzig Stimmen zu Wort kommen. Es liest sich als ebenso verspielte wie ernste Studie einer Welt, die aus den Fugen gerät.

Dieter Langhart
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Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin aus Müllheim: «Ennet ist ein Gegen, auch die Gegend ist ein Gegen.» (Bild: Donato Caspari)

Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin aus Müllheim: «Ennet ist ein Gegen, auch die Gegend ist ein Gegen.» (Bild: Donato Caspari)

«Die rumänischen Gäste nannten Büren eine ruhige Landschaft», sagt Cara. Jan redet von der Erfindung des Urbanen und sagt: «Seit gestern brüte ich über die Möglichkeit einer denkbar kleinen Stadt, über die kleinstmögliche Stadt.» Und dann sagt Nadja: «Nehmen wir an, sagte Pascal, Büren wäre ein hübscher kleiner Stadtbezirk einer neuen Megametropole, eine schöne Zone in der riesigen Region namens Stadtlandschaft.»

Was ist passiert mit Büren? Nicht Büren an der Aare, nicht Büren in Solothurn oder Nidwalden, Büren im Thurgau.

Erfindet ein neues Büren

Was geschieht diesem Weiler bei Raperswilen, der keine eigene Postleitzahl hat und kaum mehr als ein Dutzend Häuser und vom Seerücken aufs Thurtal blickt? Und warum heisst es mehrmals, Büren liege am Wellenberg und wachse und wachse? Narrt uns die Autorin Zsuzsanna Gahse in ihrem Buch «Jan, Janka, Sara und ich»?

Nein, sie erfindet dem Thurgau ein neues Büren. Die Topographie stimmt, das Buch handelt vom Thurtal – einem ehemaligen See –, begrenzt von den Höhenzügen Seerücken und Wellenberg. Zsuzsanna Gahse meint den von Wald bedeckten Wellenberg unweit des beschaulichen Städtchens Frauenfeld. Gegen Ende hört Harald Panzer heranrollen.

Literarische Topographie

Hinweise auf das Ende finden sich überall im Text: erst irritierend wie Irrlichter, dann immer häufiger, bedrohlicher. Von der Ukraine ist die Rede, vor allem bei Sara, von Krawallen und von Brandanschlägen in Bussnang, von angezündeten Autos «in den ausgefransten Ballungsorten, an den Rändern, aber auch in den Zentren»; von bewachten Villen oben am Hang ist die Rede und einer «eingequetschten Mittelschicht». Was ist los am Wellenberg?

Die Welt scheint kopfzustehen. Denn in Büren liegt der Wald unten und die Stadt oben, sie wird Hochstadt genannt. «Es gibt kaum jemanden, der keine Meinung über eine Gegend hat, über die Stadt und das Land», heisst es auf der zweitletzten Seite des Buches. Zsuzsanna Gahse hat darin vierundzwanzig Stimmen gesammelt, die sich zu Büren äussern und zur Welt. Die meisten sind aus Büren, einige auf Durchreise. Dreiundzwanzig haben Namen; Jan, Janka und Sara sind nur drei von ihnen, Hagmann ein weiterer – und in seinem Tonstudio sprechen sie auf Band, frank und frei, wehmütig oder wütend, und möchten nicht, dass sie abgehört werden. Doch kurz vor den Panzern wird Hagmann entführt, tauchen Männer auf und wollen die Bänder.

Flugzeuge werden abgeschossen

Der Ton des Buches ist umgeschlagen, hat etwas Apokalyptisches bekommen: neben verschwundenen Wäldern tauchen abgeschossene Flugzeuge auf, vermischt sich die Welt da draussen mit der Welt in Büren.

Die vierundzwanzigste Stimme heisst Ich und schreibt Taltexte unten im Tal, das «versunken in einer Falte» ist. Sie handeln von den Kühen und den Maisfeldern und den Linien in dieser Landschaft, weiten aber ebenso den Blick in andere Städte, denken über den Hippocampus nach oder alte Sprachen.

Zsuzsanna Gahse hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie herkömmliche Erzähltechniken nicht interessieren – sie erzählt ihre Geschichten ganz anders. «Ich mische Reales und Erdachtes», hat sie vor einem Jahr in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt. Für sie bedeutet dies: alles muss wahr sein, auch wenn es erfunden ist. Und manches ist akkurat: der ehemalige «Geigenhof» oder die Sägigasse etwa. Büren am Wellenberg bestätigt, dass es im Thurgau ein Büren geben könnte.

Und vor allem bedeutet dies: die Sprache spielt stets eine Hauptrolle; am deutlichsten war dies in «Instabile Texte» 2005. So denken einige Figuren über Wörter nach: Max über «apart»; Anna über den Laut A; das «Ich» im Tal über «ennet» und «anti», «gegen» und «Gegend»; und Cara sammelt Schluchtwörter.

Formal gibt sich «Jan, Janka, Sara und ich» radikal. Zsuzsanna Gahse fächert das Geschehen mit Figuren und Wortmeldungen auf. Das könnte den Leser zum Springen verführen, doch das wäre fatal, denn die Geschichte erschliesst sich der Reihe nach. Und zwei Liebesgeschichten könnten übersehen werden: die der über 80jährigen Sara, die «meinem Knappen» die «Bürener Elegie» widmet; jene der jungen Cara, die aus dem Buch verschwindet, nachdem ihr Freund Baltasar, der Fotograf, überfahren worden ist.

Den Themen und Motiven treu

Zsuzsanna Gahse liest sich mit jedem Buch radikal neu und bleibt doch ihren Themen und Motiven treu, der Transmigration etwa oder dem Welttheater wie in «durch und durch. Müllheim/Thur in drei Kapiteln» (2004). So erscheinen dem «Ich» im Tal die Stimmen wie die Figuren eines Theaterstücks, das am Wellenberg spielt.

Erste Lesung: Do, 3.9., 20 Uhr, Bodmanhaus, Gottlieben

Zsuzsanna Gahse: Jan, Janka, Sara und ich. Edition Korrespondenzen 2015, 167 S.

Zsuzsanna Gahse: Jan, Janka, Sara und ich. Edition Korrespondenzen 2015, 167 S.