Stadtvisionen und Zivilisationsreste

In der aktuellen Ausstellung in der Galerie Werkart treffen sich die Stadt- und Pflanzenbilder Claire Guanellas mit den Holz- und Alabasterskulpturen Roland Rüeggs.

Kristin Schmidt
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Guanella-Rüegg: Zarte Pflanzenwelt hinter Glühbirnen aus Alabaster. (Bild: Michel Canonica)

Guanella-Rüegg: Zarte Pflanzenwelt hinter Glühbirnen aus Alabaster. (Bild: Michel Canonica)

Planstädte, Hochhausfassaden und gewebter Stoff haben auf den ersten Blick nicht sehr viel gemeinsam. Auf den zweiten ist allen ein Raster eigen. Planstädte leben von der zumeist rechtwinkligen Anordnung der Strassenzüge; Hochhausfronten sind durch Fensterrahmen oder -bänder vertikal und horizontal gegliedert; das Flechtwerk von Kette und Schuss macht aus Fäden ein Gewebe.

Claire Guanella bringt in ihren Gemälden diese Strukturen zusammen. Wie vom Entwurfstisch des Architekten ragen Hochhausarchitekturen auf. Als zarte Lineaturen kontrastieren sie mit konturlosen Farbflächen und Gazestücken. Mitunter multipliziert Guanella die Hochhausarchitekturen, so dass daraus fragile Türme werden. Immer widmen sich ihre «Stadtbilder» dem Phänomen der Grossstadt und insbesondere den Wolkenkratzern. Dass die Genfer Künstlerin auch eine versierte Koloristin ist, wird in den ausgestellten Blumengemälden deutlich, die weit mehr sind als Porträts botanischer Schönheiten.

Verbindende Elemente

Es ist das wenig beachtete sogenannte Unkraut, das hier grossformatig und voller Leuchtkraft inszeniert wird. Jeder Quadratzentimeter dieser Bilder ist ein optisches Ereignis mit der pudrigen Oberfläche und der getupften, gestrichenen oder abgeriebenen Farbe. Claire Guanellas Gespür für das Material verbindet sie mit dem Steinmetz und Bildhauer Roland Rüegg. In seinen Holzarbeiten nähert er sich der Natur. Er arbeitet etwa durch Schwärzen die Zeichenhaftigkeit einer Form heraus wie in dem «Wurzelball» oder dem in einer Fensternische gut plazierten «Flechtwerk». Daneben untersucht Rüegg die Ästhetik der Wiederholung und die räumlichen Wirkungen von Oberflächen, so lässt er aus einem Lindenstamm durch Abtragen des Holzes ein ganzes Heer stielloser Porenpilze herauswachsen.

Vergänglichkeit in Alabaster

In einer grösseren Werkgruppe untersucht der Wattwiler das Gegenstück dazu: Der Kurzlebigkeit von einst aufsehenerregenden Neuheiten wie Discman, Magnetbandkassette, VHS-Band setzt er die Ewigkeit des Steines entgegen. Und so liegt nun ein alabasternes Mobiltelefon neben einer Fernbedienung neben einem Lautsprecher in der Vitrine. Auch die Glühbirne hat es Rüegg angetan. Er nimmt die umgangssprachliche Bezeichnung wörtlich und füllt eine Obstschale mit Leuchtkörpern aus Alabaster. Noch wirken sie frisch, doch auch ihre Tage sind gezählt – einmal mehr spielt Rüegg mit Verfall und Ewigkeit.

Bis 9.4.; Heute Do, 18.30 Uhr: Vortrag «Streben nach Glück» von Mariann Baschnonga; So, 3.4., Apéro 12 bis 15 Uhr, Galerie Werkart

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