«St. Galler, seid mutiger»

Stickerei-Geschichten 4: Blockiert der Niedergang der Stickerei bis heute Visionen für die Zukunft St. Gallens? Mit Rebecca C. Schnyder hält eine junge Autorin der Stadt einen Spiegel vor.

Martin Preisser
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Die St. Galler Autorin Rebecca C. Schnyder. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die St. Galler Autorin Rebecca C. Schnyder. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN. «Manchmal habe ich keine Lust, in dieser Stadt zu sein. Es ist ein Ort der geplatzten Träume. Der erstickten Träume. Karger Boden für Visionen. Wir sollten Unkraut jäten. Raus mit den alten Baumstrünken. Ich will nicht mehr stolpern», sagt die Hauptfigur Alex, ein «Visionär auf dem Abstellgleis». «Erstickte Träume» heisst das neue, sechste Theaterstück von Rebecca C. Schnyder. Mit ihr hat das Theater St. Gallen eine junge hiesige Autorin für einen Text beauftragt, der mit dem Niedergang der Stickerei ein wichtiges Stück Geschichte der Stadt und ihrer Identität auf die Bühne bringt. «Ich finde es richtig, dass das für St. Gallen intime Thema sozusagen aus der Perspektive der heutigen Generation angeschaut wird», sagt Rebecca C. Schnyder. die ihre Kindheit im appenzellischen Wald verbracht hat.

Trauma des Untergangs

Der Niedergang der Stickereiindustrie Anfang des letzten Jahrhunderts – ist das immer noch ein Trauma, das bis heute die Zukunftsträume St. Gallens erstickt? Die Hauptfigur Alex jedenfalls scheitert im Stück mit seinen Visionen, zu gross ist die Last der Tradition. «Erstickte Träume» ist ein dichtes, freches Stück. Es ist angriffig, aber in der Überhöhung des Themas auch witzig und spritzig. «Aber ich will schon aufrütteln, auch wenn es vielleicht ein bisschen weh tut. Insgeheim wird der Untergang der Stickerei nach wie vor betrauert. Vielleicht fehlen daher bis heute die grossen Zukunftsvisionen für die Stadt», sagt Rebecca C. Schnyder.

Mehr Weitsicht ist gefragt

«Ein Schleier aus Vergangenem. Und ständig diese Wand, gegen die ich renne. Ich bin es leid, ständig dagegen zu rennen. Und ich habe keine Lust mehr, diese Last zu tragen, die ihr von Generation zu Generation weiterreicht, weiter auflädt, auf die Schultern der Kommenden», lässt die Theaterautorin die heutige Generation in «Erstickte Träume» zu Wort kommen. «Ich rufe St. Gallen zu: Wacht auf, Freunde, seid mutiger», sagt Rebecca C. Schnyder mit viel Humor und Augenzwinkern im Gespräch. «In dieser Stadt brauchen wir mehr Menschen mit weitsichtigem Blick nach vorne. St. Gallen braucht mehr Rampensäue.»

Als «Hoffnungsträgerin der jungen Schweizer Literatur» wurde Rebecca C. Schnyder von unserer Zeitung auch schon bezeichnet. Seit 2009 ist sie als freie Autorin unterwegs, nachdem sie ein paar Semester Germanistik und Theaterwissenschaft und zwei Jahre Regieassistenz am Theater Bern hinter sich hatte.

Ganz leicht ist ihr der Schritt aus der bürgerlichen Sicherheit in die offene Welt des Schreibens am Anfang nicht gefallen. Erste Erfolge haben sich aber rasch eingestellt. Der Radiosender SWR 2 hat ein Hörspiel von ihr gesendet, letztes Jahr gewann sie den Zonser Hörspielpreis.

2013 hat die heute 29-Jährige für ihr Stück «Das, was bleibt», geschrieben für den Autorenwettbewerb der beiden Theater Konstanz und St. Gallen, den Publikumspreis gewonnen. Die Theater sind aufmerksam geworden auf die junge St. Galler Autorin, Nach «Erstickte Träume» in St. Gallen steht 2016 am Theater Konstanz eine nächste Uraufführung an. «Und wenn sie gingen» heisst das Stück, das die Stadt-Land-Dualität aufnimmt. In Kürze erscheint auch Schnyders erster Roman mit dem Titel «Alles ist besser in der Nacht»

Diszipliniertes Schreiben

Ganz besonders schlägt Rebecca C. Schnyders Herz aber fürs Theater. «Ein Theaterstück ist für mich als Autorin auf gewisse Weise faszinierender als ein Roman. Mit dem Text passiert noch ganz viel. Im Idealfall macht ihn die Inszenierung noch besser. Und ich sehe bei einem Theaterstück die Reaktionen, ich erlebe direkt, was es auslöst.» Beim Schreiben geht sie diszipliniert vor. Vier Stunden dauert ein jeweiliger Schreibblock. An «Erstickte Träume» hat Schnyder rund ein Dreivierteljahr gearbeitet. «Eigentlich ist es so, dass ich meine Figuren tatsächlich in meinem Kopf höre. Sie werden sehr schnell ganz plastisch und ich bin mit ihnen eng verbunden», erzählt sie vom Entstehen eines Theatertextes.

«Erstickte Träume» ist für die Autorin auch ein Feld, wo sie Neues wagt. «Es ist kein Stück, in dem ich wie sonst das Dialogische und Psychologische pflege. Es ist für mich viel experimenteller. Ich habe vieles bewusst überhöht und will damit der Historie auch die Schwere nehmen. Ein normales Kammerspiel wäre diesem Stoff nicht gerecht geworden.»

Frisch und temporeich

Zum grössten Teil spielt das neue Stück im Jenseits. Der Krieg ist schuld am Niedergang der Stickerei. Er kommt als Schuldiger vor ein Tribunal. Verhindert St. Gallens goldene Vergangenheit die Zukunft? Ob das so ist und warum? Rebecca C. Schnyder findet in ihrem rund einstündigen Stück Erklärungen, Bilder, die frisch und temporeich wirken.

«Hassliebe» sei vielleicht ein fast zu starkes Wort dafür, warum sie sich mit dem Thema des Untergangs der Textilindustrie beschäftigt habe. «St. Gallen ist meine Heimat, die Stadt liegt mir am Herzen. Und man kann hier noch etwas bewegen», umschreibt die junge Autorin, die mit einem Gastronomen verheiratet ist und hie und da auch im Service mit anpackt, ihre Motivation, sich einem zentralen Thema St. Gallens zu widmen. «In dieser Stadt sind keine grossen Würfe möglich», heisst es in «Erstickte Träume». Rebecca C. Schnyder ruft zu neuen Würfen auf.

Uraufführung: Fr, 6.11., 20 Uhr, Lokremise St. Gallen; weitere neun Vorstellungen im November; Einführungsmatinee: So, 1.11., 11 Uhr, Lokremise