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ST. GALLER FESTSPIELE: Schweigen, beten, sprechen

Mit Jörg Weinöhls «Kranzrede» kommt die choreografische Dreifaltigkeit in der Kathedrale dieses Jahr zu ihrem Abschluss: Zeit für einen Rückblick – und einen Ausblick auf die Festivalsaison in der Region.
Bettina Kugler
Probe in der Lokremise: An der «Aura», welche die Tänzer in der Kathedrale umhüllt, wird hier still und konzentriert gearbeitet. (Bild: Michel Canonica)

Probe in der Lokremise: An der «Aura», welche die Tänzer in der Kathedrale umhüllt, wird hier still und konzentriert gearbeitet. (Bild: Michel Canonica)

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

Der Ort verwandelt selbst Touristen, die nur schnell ein paar spektakuläre Bilder mit dem Smartphone machen wollen. Tanzchefin Beate Vollack hat es oft genug beobachtet, wie sich sofort das Tempo, die Körperhaltung ändert. Auch sie macht diese Erfahrung, wann immer sie die Kathedrale betritt. «Ich bewege mich hier anders; mit mir passiert etwas. Ich werde still, schalte mein Handy aus, und ich gehe nicht, ohne eine Kerze angezündet und etwas von mir deponiert zu haben. Dabei bin ich nicht gläubig im engeren Sinne; ich bin ohne Religion aufgewachsen.»

Als sie vor drei Jahren die ­Leitung der Tanzkompanie übernahm, zögerte sie zunächst, diesen prächtigen Raum mit ihren Ideen zu füllen. Zumal sie wusste, wie überzeugend es ihrem Vorgänger Marco Santi gelungen war, die Kathedrale zum ­Sprechen zu bringen, «kraftvoll, ­bedeutsam», wie Beate Vollack sagt. Es schüchterte sie ein.

Ein Gespür für den Raum entwickeln

Statt sich ins Ungewisse zu stürzen, beauftragte sie drei Choreografen ihres Vertrauens, drei Stücke für die Kathedrale zu entwickeln, die sich thematisch vom Schweigen zum Reden öffnen sollten. Jonathan Lunn begann 2015 mit «Schweigerose», Cathy Marstons «Rosenkranz» setzte die Trilogie fort; in diesen Tagen gibt Jörg Weinöhl seinem Stück «Kranzrede» mit vier Tänzerinnen und Tänzern der Kompanie den letzten Schliff. Um Momente des Innehaltens geht es; die Kranzrede, der Richtspruch des Zimmermanns bei der Aufrichte eines Hauses, steht sinnbildlich für solche Zäsuren.

Wir treffen Jörg Weinöhl in der Lokremise, wo er diese Woche noch mit acht Tänzerinnen und Tänzern der Kompanie probt. Im Saal tönt es wie in einer Kirche; das Wort hat der Barockmeister Heinrich Schütz. «Verleih uns Frieden», hört man die himmlischen Stimmen des Basler Ensembles thélème singen, noch aus Lautsprecherboxen. Die Sänger werden wie bereits 2015 live dabei sein in der Kathedrale.

Wenn der Choreograf unterbricht, spricht er leise, bedächtig. Zur professionellen Konzentration der Tänzer kommt etwas hinzu wie Andacht: als seien sie bereits dort, wo das Stück hinsoll. «Diesem Bewusstsein für den Raum, in welchen man als Künstler geht, muss ich vorbauen», sagt Jörg Weinöhl später, im Gespräch nach der Probe. Drei Jahre lang hatte er Zeit, sich auf den Tanzort Kathedrale einzulassen. «Von Vorteil war, dass ich sehen konnte, wie Jonathan Lunn und Cathy Marston mit dem Ort umgegangen sind.» Weinöhl kommt vom klassischen Ballett; die Karriere des Schwaben begann in Stuttgart unter Marcia Haydée. Es folgten siebzehn Jahre mit Martin Schläpfer: in Bern, in Mainz, in Düsseldorf. Inzwischen leitet er das Ballett der Oper Graz.

Die Kraft der Gesten und der Wiederholung

Musik steht für ihn an erster Stelle; zu den Madrigalen und geistlichen Konzerten von Heinrich Schütz hat er eine innige Beziehung: «In Venedig vertonte er weltliche Texte, die menschliche Regungen umkreisen. Das war so etwas wie seine Masterarbeit. Später schrieb er nur noch geistliche Musik, behielt aber die in den Madrigalen herausgebildete Harmonik und Dynamik bei.»

In seiner choreografischen Arbeit setzt Jörg Weinöhl grosses Vertrauen in Gesten – und in Wiederholungen. «Der Wiedererkennungswert ist nicht zu unterschätzen; das Gesehene sinkt auf diese Weise viel tiefer.» Er ist überzeugt davon, dass das Publikum spürt, ob ein Stück Substanz hat. «Es muss nicht verstehen oder gar rückübersetzen können, was ich hineingelegt habe. Doch mir ist wichtig, dass die Leute genährt werden, dass sie etwas mitnehmen, was sie weiterträgt.» Beate Vollack nickt zustimmend: auch sie findet Tanz, dem es vor allem um körperliche Spitzenleistungen geht, als leeren «Zirkus». Für die Kathedrale ist sie jetzt mutig genug. Ihre «Peregrinatio», die choreografische Pilgerreise an verborgene Orte im Dom, die sie für Sommer 2018 angekündigt hat, nimmt im Kopf längst schon Gestalt an.

Premiere: Mi, 28.6., 21 Uhr, Kathedrale St. Gallen

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