Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ST. GALLER FESTSPIELE: Mit Freuden geerntet

Aller guten Dinge sind drei: Die Uraufführung von Jörg Weinöhls Tanzstück «Kranzrede» rundet die Trilogie über Schweigen und Sprechen in der Kathedrale ab. Das Schlusswort haben Barockdichter.
Bettina Kugler
Weit wie der Himmel und erdverbunden: Alberto Terribile im Solo zu Johann Sebastian Bachs Orgelpräludium und Fuge G-Dur. (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Weit wie der Himmel und erdverbunden: Alberto Terribile im Solo zu Johann Sebastian Bachs Orgelpräludium und Fuge G-Dur. (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

Ein ganzes Leben umspannt der Blick in der Motette «Mit Weinen hebt sich’s an», vom Schrei des Neugeborenen «bis zur trüben Totenbahre». Dieses Dasein wurde zu Zeiten des Barockkomponisten Johann Christoph Bach (1642–1703) und des eine Generation jüngeren Heinrich Schütz als Jammertal empfunden; Grund zum Weinen gab es genug: verlorene Liebe, Kinder und Frauen, die das Kindbett nicht überlebten, der Dreissigjährige Krieg.

Uns friedens- und wohlstandsverwöhnten, glückssüchtigen Selbstverbesserern mag diese Sicht fremd geworden sein, ebenso Paul Gerhardts geistliche Dichtung «Gib dich zufrieden und sei stille» und der Trost ewigen Lebens, später einmal. Das Basler Vokalensemble Thélème freilich versteht sich darauf, die von Schütz und den Bachs (dem älteren Johann Christoph und dem wohlbekannten Johann Sebastian) vertonten Texte in die Gegenwart zu holen, im Augenblick zum Sprechen zu bringen: in weiten Bögen mit klaren Konturen und Worten, die aufleuchten wie die Goldverzierung des Chorgitters in der Kathedrale. Wie bereits im vergangenen Jahr Cathy Marston in «Rosenkranz», platziert auch Choreograf Jörg Weinöhl die Musiker in der Mitte des Geschehens: vor dem Altar, zwischen den beiden quadratischen Podesten links und rechts.

Süsse Seufzer, zeitliche Liebe und ewiges Leben

Das leuchtet insofern ein, als die Musik in «Kranzrede», mehr noch als in den ersten beiden Teilen der Trilogie, mächtig im Zentrum steht – in Wort und Zusammenklang. Jede Geste, jeder tänzerische Dialog ist von ihr aus gedacht. Allerdings nicht im Sinne einer plakativen Textausdeutung. Das Weinen der Psalmen und geistlichen Lieder, das Liebesleid, welches in den weltlichen Madrigalen seufzt und klagt, auch die Zerknirschung in Martin Opitz’ «Herr, nicht schicke deine Rache» erscheinen durch Weinöhls Bewegungsrepertoire veredelt, dem Gesetz der Schönheit unterworfen. Eine Augenweide, durchaus; eine Einladung, sechzig Minuten lang die Hast des eng getakteten Alltags aus Arbeit und Beziehungen vor der Tür zu lassen, sich in andere Räume, eine andere Zeitordnung zu stellen.

Diese beginnt schon vor dem Schlag der Stundenglocke, der hell aus dem Chorraum zu hören ist. Tänzer in leichten, dunklen Gewändern (Kostüme: Marion Steiner) schreiten vor dem Altar unauffällig auf und ab, als noch nicht alle Zuschauer sitzen. Immer wieder wird einer der je vier Tänzerinnen und Tänzer aus Beate Vollacks Tanzkompanie des Theaters St. Gallen selbst zum Zuschauer werden, am Rand des jeweils anderen Bühnenwürfels, oft sitzend, in ruhiger Aufmerksamkeit – auch dies ein Anknüpfungspunkt zu den Vorgängerstücken der Trilogie. Weinöhl wechselt dramaturgisch durchdacht zwischen Soli, Paarszenen und Gruppen in unterschiedlicher Besetzung. Die acht Tänzer, allen voran die feingliedrige, ­federleichte Emily Pak und ihr Partner Lorian Mader, harmonieren so wunderbar, dass alle Spannungen, die Schütz und Bach in ihrer Musik sprechen lassen, freundlich aufgelöst erscheinen. Ein Übriges tut die Lichtführung (Andreas Enzler) mit sanften, kaum merklichen Übergängen, ohne Schocks und Kontraste.

In der Mitte ein starker Alleingang

Geballt-kraftvoll, selbstbewusst himmelstürmend und erdverhaftet (wie es der Titel «Kranzrede» in Anspielung auf den Richtspruch beim Hausbau erwarten liesse) wird es selten. Erstaunlicherweise am ehesten dann, als zum einzigen Mal Domorganist Willibald Guggenmos an der grossen Orgel spielt.

Zu Bachs Präludium und Fuge in strahlendem G-Dur tanzt Alberto Terribile ein nicht minder virtuoses Solo mit fliegendem, weit schwingendem Mantel. Es wirkt wie die vorweggenommene Freude, die im Psalm 126 («Die mit Tränen säen») von Heinrich Schütz für leichte, tänzelnde Schritte vertont ist. Terribiles tänzerischem Temperament freilich entspricht die volle Orgel wesentlich besser. Ansonsten gibt Jörg Weinöhl dem Leisen, Gemessenen den Vorzug: der sprechenden, wiederkehrenden Geste, dem ruhigen, mit Geschmack und Sinn phrasierten Fluss. Und erntet buchstäblich, was in den vorausgehenden Stücken angelegt wurde.

Der zu Beginn betrachtete ­Lebenslauf ist in Weinöhls Umsetzung kein reissender Strom mit Strudeln und Untiefen. Sondern ein ausgewogenes Ganzes, das sich doch mehr Zäsuren, mehr Stille gönnen könnte: gedehnte Momente, in denen das Gehörte, die tänzerische Berührung und Verwandlung nachhallen könnte. Wofür die Kathedrale als Klangraum und grosses Himmelstheater ja wie geschaffen ist.

Weitere Vorstellung: Mo, 3.7., 21 Uhr, Kathedrale, St. Gallen

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.