ST. GALLER FESTSPIELE: Jugendlicher Geniestreich

Das Festkonzert als Schlusspunkt des Konzertteils wartete mit einer Messe auf. Sie zeigte den jungen Alfredo Catalani, den Komponisten der Oper «Loreley», als Schöpfer packender geistlicher Musik.

Martin Preisser
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Der italienische Komponist Alfredo Catalani (1854–1893). (Bild: PD)

Der italienische Komponist Alfredo Catalani (1854–1893). (Bild: PD)

Dass Alfredo Catalani für seine Missa e-Moll einen ersten Preis für Komposition erhielt, ist klar, nachdem man das Werk vergangenen Donnerstag in der Kathedrale St. Gallen gehört hatte. Diese Messe überzeugt durch grosse emotionale Geschlossenheit und viel vorwärtsstrebende Energie.

Anders als andere italienische Opernkomponisten geht der Schöpfer der «Loreley» seine Messe nicht opernhaft an. Catalani begeistert in diesem jugendlichen Geniestreich durch gesangliche Kraft, die er vor allem den Chor ausleben lässt, aber auch durch eine klangliche Geschmeidigkeit, die bei aller Pracht stets durchlässig wirkt. Das Werk hat Zug und strahlt dennoch eine feine Eleganz aus.

Das Sinfonieorchester St. Gallen unter Otto Tausk setzte diesen jugendlichen, ja selbstbewussten Zug der Messe sehr engagiert um. Das Werk erklang in einem Guss und mit viel Leidenschaft, die Otto Tausk auch von den bestens präparierten und recht prominent eingesetzten Chören abrief. Die Chorpartien realisierten der Kammerchor Feldkirch (Einstudierung: Benjamin Lack) und der Prager Philharmonische Chor (Einstudierung: Jakub Zicha) mit Verve und eindrücklicher Präsenz.

Suggestiver geistlicher Belcanto

Das Solistenquartett hat Catalani eher an den Chor gebunden gedacht. Wenn es dann mal solistisch wurde, dann waren auch da packende Kantilenen und suggestiver geistlicher Belcanto zu spüren. Elena Rossi, eine der beiden Klosterhof-Loreleys, brachte einen ganz leichten Schuss Opernkraft in ihren Sopran und überstrahlte den Gesamtklang in packender Weise. Fast zu wenig Solo hat Catalani dem Alt zugedacht. Als er dann mit Alessandra Volpes Stimme ertönte, begeisterte das warme, runde und dunkle Timbre dieser schönen italienischen Stimme.

Kraftvoll und einnehmend grundierten auch Derek Taylor (Tenor) und Levente Páll (Bass) die Solopartien. Zu viert waren die Solisten vor allem im Credo gestalterisch wichtig.

Auch dieser Messeteil zeigt Catalani als packenden Erzähler, der für die Dramatik des Credo eine ganz eigene Farbe findet, durchlässig und doch facettenreich im Klang und vor allem mit diesem elegant vorwärtsdrängenden Fluss, der die ganze Messe bestimmte.

Anton Bruckners Adagio aus seinem Streichquintett vor der Messe war in diesem stimmungsvollen Festkonzert mehr als ein kleines Eröffnungszückerchen. In wehmütiger warmer Melancholie hatte man hier Einblick in eine intime Bruckner-Welt, jenseits der grossen sinfonischen Dimensionen. Den Streichern des Sinfonieorchesters St. Gallen gelangen nicht nur intensive Melodien, sondern auch die Darstellung überraschender Steigerungen und recht modern anmutender musikalischer Schattenwelten.

Martin Preisser