St. Gallen blieb stets Heimathafen

Morgen Samstag wird Fred Kurer 80 Jahre: Als Leiter der Kellerbühne, Kantilehrer, Cabaret-Autor und Lyriker hat er das St. Galler Kulturleben mitgeprägt. Ein Geburtstagsständchen von Heiko Strech, einem langjährigen Wegbegleiter.

Heiko Strech
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Fred Kurer in seinem Haus in St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Fred Kurer in seinem Haus in St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Eigentlich sieht Fred Kurer gleich aus wie 1966, als wir Studenten einander in Zürich kennen lernten. Sofort und beglückt landeten wir auf der Umlaufbahn um unseren literarischen Fixstern, der uns über inzwischen 50 Jahre Freundschaft anstrahlt: Der auf Englisch schreibende polnische Dichterkapitän Joseph Conrad (1857– 1924) – Weltklasse bei den Angelsachsen, hierzulande sträflich unbekannt.

Beidhändiger Autor

Wie Kapitän Conrad geht es Fred Kurer ums Reisen und Schreiben. Heimathafen bleibt St. Gallen. An der Verkehrs- und später an der Kantonsschule hat er Englisch und Deutsch unterrichtet, dort Theater gemacht. Sieben Jahre lang leitete er die Kellerbühne. Fürs Cabaret <Sälewie> schrieb und spielte er. Dem Figurentheater St. Gallen lieferte er quasi als Hausautor Stücke. Im Theater Parfin de siècle lief 2014/2015 mit grossem Echo sein Drama <Mit beiden Beinen>. Der Autor vieler Lyrikbände – etwa <Unser Verschwinden in Australien> – schreibt quasi beidhändig, also Hochdeutsch und Mundart.

Gemeinsam ist den Gedichten oft ein Heinrich-Heine-Touch: Romantik kriegt jäh vom Realismus aufs Dach. Und der grosse Reisende Kurer spannt von zu Hause aus einen weiten Bogen zu den Schauplätzen dieser Welt. Bannt das Aussen in sein Innen, die er uns beide im Gedicht vermittelt. In <waansinnigi uswörkige> spielt er gar mit der Chaostheorie: <gescht han i e tischtuech usgschöttlet of em/ esspläzli for em hüsli am Malfewääg nüü ond scho/ acht schtond schpööter hät s en uu ärdbebe ggee z Mexiko>.

St. Gallen und die Welt

Monatelang war Fred Kurer unterwegs in Australien, reiste quer durch Europa. Die letzten Jahre besuchte er vor allem den Balkan und den Nahen Osten. Und nimmt uns mit seinen Gedichten in die Ferne. Sogar angesichts einer klassischen Schweizer Landschaft versetzt er uns jäh in eine mit dem inneren Auge gesehene Dichterszenerie. In <Der Strom> schreibt er: <mein stärkstes Bild seit jeher ist der strom/ war jener vers jenes gedichts das/ ich nie schrieb>. Welches Bild? Dieses: <doch jetzt/ da ich auf der brücke stehe bei Neuhausen/ in den nach langem regen hoch gehenden Rhein schaue/ ist das einzige was mich beschäftigt der Pantai>. So nannte Kapitän Joseph Conrad einst den gewaltigen Urwaldstrom in Kalimantan (Indonesisch-Borneo), der eigentlich Berau heisst.

Den Berau hat Kurer nie gesehen – den Pantai aber ganz gewiss! An ihm spielen neun der wichtigsten Romane Joseph Conrads. Zum 150. Geburtstag des Autors 2007 taten sich Fred Kurer und Heiko Strech zusammen für die literarische Bühnencollage <Lesen Sie den Ozean!>, die sie von St. Gallen aus über Zürich und Magdeburg bis nach Berlin führte.

Viele Freundesduette

Fred Kurer ist ein Freundestalent. Ein Teamplayer. Stellvertretend seien ein paar Duos genannt: Für die Kellerbühne Fredy Christ, fürs Cabaret <Sälewie> Renward Wyss, fürs Figurentheater Tobias Ryser, für die Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur Edgar Krayss, fürs Literarische neben anderen natürlich Ivo Ledergerber. Ein langjähriges Reiseteam nicht zu vergessen. <kaum zu glauben/ man hält es trotzdem aus vor dem/ ätzenden maul des Sommers/ das alles grün wegfrisst und die/ rinder brüllen lässt> – Richard Butz und Fred Kurer in Australien!

Ein gemischtes Doppel steht über allem. Einst kam Annemarie aus Holland und begegnete in Zürich Fred. 2017 werden sie Goldene Hochzeit feiern. Dem Eheteam entsprossen die Töchter Annette und Simone, die ihrerseits sieben Enkelkinder auf die Welt stellten. Fürs Weiterleben der Kurer-Gene ist also gesorgt. Grossvater Fred hat den Enkeln mal eine Gedichtreihe mit Antworten auf ihre Fragen gewidmet. Etwa: <nai/ wenn t d gaartebüecher fegrabsch im beetli/ chömed wäge dem no lang ka blueme>. Oder: <nai/ die root chappe hänt s nöd of de haag tue/ dass er warm heg>. Refrain jeweils: <log/ da isch aifach esoo>.

Alle paar Meter im Gespräch

Fred Kurer ist übrigens nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich begabt. Wenn man ihn nach längerer Zeit mal wieder trifft, darf man sich freuen über seine Mitteilungen und Kommentare über inzwischen Erlebtes. Mit wachsendem Espressivo und Crescendo entwickelt der Scharfsinnige und kongenial Scharfzüngige samt entsprechender Mimik und Gestik liebevoll-satirisch plastische Szenen, die oft über den banalen Anlass hinausschiessen – Dichterspass, Zuhörervergnügen.

Talent und ein öfter melancholiegewürzter Humor haben Fred Kurer nicht nur bekannt, sondern auch beliebt gemacht. Will man mit ihm zusammen in St. Gallen von A nach B? Dann muss man mit der doppelten Zeit rechnen. Denn man trifft alle paar Meter auf St. Gallerinnen und St. Galler, die einen kurzen bis länglichen Klatsch über Gallus-Stadt-Interna mit dem lebhaften Kommunikator mit dem immer noch dunklen Haar und Schnauz beginnen wollen. Dann steht man stumm und (fast) überhaupt nicht eifersüchtig daneben.

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