Spurensicherung geglückt

Im Kunstraum Engländerbau in Vaduz findet ab heute eine Gruppenausstellung statt. Vier in der Ostschweiz tätige Kunstschaffende positionieren Malerei, Zeichnungen, Skulpturen und Objekte rund um den Diskurs Erinnerung.

Brigitte Schmid-Gugler
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Die Rauminstallation im Kunstraum Engländerbau vereint Werke von Peter Dew, Birgit Widmer, Yoko Mroczek und Harlis Schweizer-Hadjidj. (Bild: Samuel Schalch)

Die Rauminstallation im Kunstraum Engländerbau vereint Werke von Peter Dew, Birgit Widmer, Yoko Mroczek und Harlis Schweizer-Hadjidj. (Bild: Samuel Schalch)

VADUZ. «Souvenir». Der Titel der Ausstellung passt gut: Es ist die Zeit der Mitbringsel, Andenken. Manche gekauft, andere gefunden. Sie verweisen auf einen Ort oder auf eine Situation, die wir im Gedächtnis behalten wollen und für uns selber oder als Geschenk für andere von einer Reise mit nach Hause tragen. Oft ist es Kitsch, der auf einem Regal seine angezählten Stunden fristet und verstaubt. Andere Souvenirs aber leben als immaterielle Erinnerungen – zauberhafte und schmerzliche – in uns fort.

Diesen inneren Bildern wollte das Quartett auf die Kunst-sprünge helfen. Sie, die alle vier in der Ostschweiz tätig sind oder waren, fanden heraus, dass sie ihre Wurzeln, oder zumindest einen Teil davon, ausserhalb der Schweiz haben. Was also lag näher, als diesen Umstand zum Gegenstand eines Vorschlags zu machen?

Das Weite ganz nah

Anders als andere Ausstellungsräume für zeitgenössische Kunst verfügt der Kunstraum Engländerbau weder über eine eigene Sammlung noch konzipieren die Betreiber ein eigenes Ausstellungsprogramm. Vielmehr können Kunstschaffende Projekte einreichen, die von einer Fachkommission geprüft werden. Seit 2002 stellt die Kulturstiftung Liechtenstein als Trägerschaft den fensterlosen Raum im zweiten Obergeschoss dem regionalen zeitgenössischen Kunstschaffen zur Verfügung.

Die Ausgangspositionen von Peter Dew, Yoko Mroczek, Harlis Schweizer-Hadjidj und Birgit Widmer sind folglich die vier Himmelsrichtungen. Zur Linken beginnt die Ausstellung mit einem Meer von Schiffen. Dreihundert an der Zahl hat die in Gais lebende Birgit Widmer aus einem finnischen Nachschlagewerk abgezeichnet. Frachter, Passagierschiffe, Fischerboote, Tanker. Manche akribisch detailliert, andere in der ihr vertrauten Kunst der zeichnerisch-figurativen Vagheit. Als führe ihre Silber- oder Bleistiftspitze genau diesem Rinnsal entlang, das sich im Gedächtnis als verträumt-kindliches Souvenir eingenistet hat. Einem fernen Erinnerungshorizont abgerungen scheinen auch die Umrisse von Gebäuden aus Strohhalmen. Sie sind eine Reverenz an die in Finnland «Himmeli» genannten Weihnachtsdekorationen. Birgit Widmers Mutter, früh verstorben, war als junge Frau aus Finnland in die Schweiz eingewandert.

Yoko Mroczeks Kompass schlägt Richtung Osten aus. Sie lebte mehrere Jahre in St. Gallen, bevor sie zurück in ihre Heimat in Japan zog.

Stimmungen und Orte

Von dort verschickte sie ihre Souvenirs nach Vaduz – Zeichnungen und Objekte, die ihre nach der Rückkehr wohl noch geschärftere Wahrnehmung des Alltags in Japan thematisieren. «Die Menschen können nicht ausserhalb ihrer Schachteln denken», schreibt sie zu ihren Arbeiten und meint die fast zwanghafte Gleichmacherei in ihrer Kultur, die dem individuellen «Anderssein» wenig Raum lasse. Yoko Mroczek nimmt diese Tatsache subversiv und sehr witzig ins Visier – oder auf den Arm –, indem sie Mythos, Traditionen und Modernität in- und übereinander schiebt.

Harlis Schweizer-Hadjidj lebt in St. Gallen. Sie zieht mit ihren grossformatigen Malereien (Öl auf Leinwand) geographisch Kreise, die sich immer weiter nach Süden ausdehnen. Ihre Souvenirs können Lichtstimmungen irgendwo an einer Strassenecke in der Ostschweiz sein. Manche der zwölf Bilder lehnen sich auch an Fotografien, an die Unmittelbarkeit eines kurzen, unwiederbringlichen Augenblicks an: Ihre beiden Kinder, die ihr den Rücken zukehren und in Algerien, der Heimat ihres Vaters, in eine schier endlos scheinende Weite einer Hochebene blicken. Der in St. Gallen lebende Peter Dew ist in Südengland aufgewachsen. Seine Herkunft und Prägung im besonderen, die Schöpfungsgeschichte im allgemeinen sind immer wieder Thema seiner filigranen Frage- und Antwortspiele. In Vaduz liegen sie als «Wortmatten» wie Gebetsteppiche im Raum und hängen als transparente Bildtafeln von der Decke.

Vernissage: Fr, 12.8., 19 Uhr, Kunstraum Engländerbau, Vaduz Mo–So 13–17, Di 13–20 Uhr; bis 9.10. Umfangreiches Rahmenprogramm beginnend am 30.8., 19 Uhr, mit einem «Sprach-Crashkurs»; weitere Veranstaltungen unter www.kunstraum.li