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Eine Spritztour durchs Paradies des Teufels - mit Tomi Ungerer am Steuer

Im Februar starb der Zeichner und Grafiker, Maler und Kinderbuchkünstler Tomi Ungerer. Mehr als 240 Arbeiten des Elsässers befinden sich in der Sammlung Würth – eine vielschichtige Auswahl ist bis März 2020 im Forum Würth in Rorschach zu sehen.
Bettina Kugler
Kuscheltiere spielen in Tomi Ungerers Kinderbücher keine Rolle, dafür Tintenfische oder Schlangen. (Bilder: Sammlung Würth)

Kuscheltiere spielen in Tomi Ungerers Kinderbücher keine Rolle, dafür Tintenfische oder Schlangen. (Bilder: Sammlung Würth)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Seine knappen, pointierten Sätze, Gedanken und Notizen verraten viel über den Zeichner und Grafiker, den Bilderbuchkünstler und Maler Tomi Ungerer. «Expect the Unexpected» beispielsweise: ein guter Rat an alle, die meinen, ihn zu kennen – den 1931 geborenen Elsässer, der wilde Jahre in den 1950ern und 1960ern in New York verbrachte. Der die amerikanische High Society im Band «The Party» (1966) bissig und bitterböse karikierte. Der mit Werbegrafik gutes Geld verdiente, sich einen Namen als Kinderbuchautor machte und gleichzeitig mit Erotika provozierte, mit politischen Plakaten agitierte – weswegen ihn das FBI unter Beobachtung nahm. Der nach Kanada zog, später nach Irland, und Schafe züchtete. Ohne jemals Pinsel und Zeichenstift wegzulegen, ohne damit aufzuhören, immer neue Techniken zu erproben und an den gut vertrauten mit Besessenheit weiterzuarbeiten.

1962: Der junge Tomi Ungerer und seine schrägen Vögel. (Bild: Getty/Ullstein)

1962: Der junge Tomi Ungerer und seine schrägen Vögel. (Bild: Getty/Ullstein)

Halb Max, halb Moritz, immer mit Hintersinn

Er war ein Neugieriger und Tausendsassa, ein Spieler und Kindskopf, ein Satiriker mit abgründigem Humor, ein politisch Engagierter. Am 9. Februar ist er in Cork gestorben, so überraschend und spontan, wie er als Künstler seine Ideen auslebte. Einmal sagte er über sich:

«Ich bin ein netter Typ. Ich mache nur Zeichnungen über eine böse Gesellschaft.»

Oder: «Ich bin halb Max, halb Moritz. Einer spielt dem anderen Streiche.» Aus kleinen frechen Streichen wuchs ein immenses, überaus vielfältiges Werk, insgesamt mehr als 40 000 Zeichnungen, Plakatentwürfe, Lithografien und Collagen, aber auch Ölbilder, Holzschnitte und Objekte aus Fundstücken. Nicht zu vergessen die Bücher, mit eher untypischen Helden: Schlangen, Geiern, Tintenfischen, umwerfend starken Mädchen, die Räuber und Menschenfresser um den Finger wickeln. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Ungerer vermehrt Collagen und Skulpturen; sie sind noch zu entdecken.

Der Sammler Würth schätzte Tomis «plakative Geradlinigkeit»

Ein Teil des Oeuvres, immerhin 240 Arbeiten aus den diversen Schaffensbereichen Tomi Ungerers, ist im Besitz des Unternehmers Reinhold Würth. Die Sammlung Würth vermag damit einen repräsentativen Querschnitt zu zeigen – in Anlehnung an den Künstler formuliert: mit Ungerer am Steuer eine Spritztour durch die Hölle, «das Paradies des Teufels» zu machen. Max über die Schulter zu blicken, wenn er Moritz Streiche spielt. Zu sehen, wie aus jedem Ding, ob Blatt, ob Stein oder rostige Schraube, ein Kunstwerk werden kann, von einer plötzlichen Idee belebt, aus seiner Zufälligkeit ins Hintersinnige entrückt.

Die Ausstellung im Forum Würth, seit Mitte Mai und bis ins nächste Frühjahr bei freiem Eintritt zu sehen, zeigt eine Auswahl aus der Sammlung: nicht ganz so üppig wie vor vier Jahren die Ungerer-Retrospektive «Incognito» im Kunsthaus Zürich, doch ebenso markant. Neben Werbegrafik und Plakatentwürfen, Skizzen für «Das grosse Liederbuch», die sehr an Wilhelm Busch erinnern, neben Cartoons, Karikaturen und skurrilen Tiercollagen ist die wenig bekannte Objektkunst stark vertreten: Skulpturen, die Ungerer in seinen späten Schaffensjahren aus Fundstücken zusammenbastelte wie kurioses Spielzeug. Das er tatsächlich jahrzehntelang sammelte – in seiner Heimatstadt Strasbourg gibt es dafür ein eigenes Museum.

Reinhold Würth lernte den Künstler im Jahr 2002 persönlich kennen; er war verzaubert von Ungerers Humor und seiner sprunghaften Wesensart, von den Gesprächen zwischen Selbstironie, unverstellter Ehrlichkeit und «geradezu plakativer Geradlinigkeit». Tomi Ungerer erzähle so, wie er zeichne, schreibt Würth im umfangreichen Katalog zur Schau «Eklips», die 2010 in der Kunsthalle Würth gezeigt wurde. Die Ausstellung in Rorschach ist eine schlankere Version davon, aber facettenreich genug für einen Künstler, der in keine Schublade passt.

Wer nicht mit den Stationen und Umbrüchen seiner Biografie vertraut ist, kann sich hier kompakt einen Überblick verschaffen und den «Chamäleonisten» Ungerer kennen lernen. Oder über Nebenprodukte seiner Kreativität schmunzeln. Etwa über die gezeichneten «Karrieretipps», die Tomi Ungerer im Jahr 2010 für den Geschäftsbericht der Würth-Gruppe schuf, so hintersinnig und verschmitzt wie seine Werbegrafik – sei es die Tragtasche für das Warenhaus Globus, ein Theaterplakat oder die Tuschezeichnung zur Fête de la Musique (1989) mit schwungvoll abhebenden Hosenträgerriemen und Klaviertasten.

Im Spätwerk spielte er mit Dada und Nonsens

«Jedes Objekt kann etwas erzählen. Und hat es keine Geschichte, schenke ich ihm eine Idee»: Zu dieser Notiz Ungerers liefern die ausgestellten Assemblagen aus Schrott und Abfall Anschauungsmaterial. Der über Siebzigjährige spielte in Arbeiten wie «To Be Or Not To Be» (ein Kleiderbügel steht da in einer rostigen Büchse als stilles Fragezeichen) oder «Arbeitsdienst» (eine Reihe von Schaufelblätter mit leeren Augen) den Ball in Richtung Dadaismus und Nonsens. Und tobte in ungebrochener Schaffenskraft seinen Hang zu Streichen aus: Max und Moritz in Personalunion.

Bis 15. März 2020. Forum Würth, Rorschach

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