Kolumne

«Sprachliche Moden und Marotten»-Kolumne: Wieso nicht schlecht nicht gut ist

In seiner Kolumne schreibt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche über ein Thema, das sich ein aufmerksamer Leser gewünscht hat.

Pedro Lenz
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

Ein mitdenkender Leser dieser Kolumne wandte sich neulich mit einem sprachlichen Anliegen an die Redaktion. Der Leser störte sich am immer wieder gehörten Satz: «Er liess sich zum Lehrer ausbilden.» Man lasse sich doch nicht einfach ausbilden, fand besagter Leser, das klinge ja, als müsste man selbst nichts mehr zur Ausbildung beitragen. Der Mann bat um eine Kolumne über diese, leider weitverbreitete, sprachliche Gedankenlosigkeit.

Mich dünkte das Thema nicht ganz uninteressant, und ich wäre grundsätzlich nicht völlig abgeneigt gewesen, darüber zu schreiben, hätte ich nicht schon längst vorgehabt, ein anderes, nicht minder spannendes Sprachphänomen unter die Lupe zu nehmen. Sie spüren es, liebe Leserinnen und Leser, es geht um ein beinahe schon mathematisches Thema: Minus und Minus gibt Plus.

Eine doppelte Verneinung wie: «Ich bin nicht abgeneigt» entspricht einer Bejahung. Wer nicht abgeneigt ist, der ist geneigt. Demnach könnte man annehmen, der Satz: «Ich bin nicht abgeneigt» sei gleichbedeutend mit dem Satz «Ich bin geneigt» oder das Wortpaar «nicht uninteressant» habe die gleiche Bedeutung wie das Adjektiv «interessant». Diese Annahme ist zwar nicht ganz falsch, aber sie ist auch nicht wirklich richtig.

Eine doppelte Verneinung entspricht nicht genau einer Bejahung, sonst bräuchte es die doppelte Verneinung in der Sprache gar nicht. Manche von uns brauchen die doppelte Verneinung, weil sie die Ansicht vertreten, es sei weniger uncool, indirekt auf den Punkt zu kommen als direkt. Sagen wir von einem Menschen, er sei kein Schlechter, dann bedeutet das nicht unbedingt, er sei ein Guter.

Zwischen «nicht schlecht» und «gut» gibt es eine kleine Marge, die uns nicht ganz unwichtig dünken sollte. Die doppelte Verneinung ist ein sprachlicher Zwischenton, den vor allem Leute verwenden, die einen Sinn für Finessen haben.

Wenn nun der eingangs erwähnte Leser schreibt, man könne sich beispielsweise nicht einfach zum Mediziner ausbilden lassen, weil man einen wesentlichen Teil zur Ausbildung selbst beitragen müsse, ist diese Feststellung zwar nicht ganz uninteressant, aber damit ist noch nicht gesagt, sie sei interessant genug, eine Kolumne darüber zu schreiben.

Die sprachliche Beobachtung des Lesers bewegt sich in einem Graubereich zwischen erzählenswert und nicht ganz unerzählenswert. Man könnte sogar sagen, es handle sich um einen nicht unnachvollziehbaren Impuls, sich eine Kolumne darüber zu wünschen. Trotzdem muss ich den freundlichen Leser enttäuschen, eben weil «nicht unerzählenswert» etwas anderes ist, als «erzählenswert».

In der hoffentlich nicht unberechtigten Hoffnung, das Thema der doppelten Verneinung nicht allzu langfädig behandelt zu haben, verabschiede ich mich für heute von der geneigten Leserschaft. Dies tue ich allerdings nicht ohne den wohlgemeinten Ratschlag, weiterhin nicht unaufmerksam zu sein, wenn es um die Sprache geht.