Kolumne

Sprachliche Moden und Marotten: Darum werden Berner in Zürich oft als unhöflich wahrgenommen

In seiner Kolumne schreibt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche über eine versteckte Gefahr, die sich in der Grammatik des Dialekts versteckt.

Pedro Lenz
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

In den Regionen der Deutschschweiz, die sich westlich der Jasskartengrenze befinden, beispielsweise im Kanton Bern oder im Freiburger Sensebezirk, wird die Sie-Form nicht gebraucht. In den besagten Gegenden lebt es sich sehr gut ohne sie. Niemand vermisst sie. Will man eine Person nicht duzen, kann man sie einfach ihren.

Aber klar, ausserhalb dieser Sprachgewohnheitszone sieht es anders aus. Wenn ein Berner nach Zürich geht und statt «Dörf ich Sie öppis fröge?» einfach sagt «Darf i öich öppis froge?», klingt «öich» für das östlich der Jasskartengrenze sozialisierte Ohr eher unhöflich. Immerhin leben Berner und Zürcher schon so lange unter einem nationalen Dach, dass sie das Problem der jeweiligen Andersartigkeit kennen.

Ein bisschen schwieriger wird es, wenn Leute, die in ihrer Mundart die Sie-Form nicht kennen, Hochdeutsch zu reden beginnen. Ein Freund von mir, der sich beruflich auch mit Sprache befasst, war an einem Elternabend bei der Klassenlehrerin seiner Tochter. Die Lehrerin, eine hochgeschätzte Pädagogin, begrüsste die Eltern auf Hochdeutsch. Es freue sie sehr, dass alle Eltern hätten kommen können, betonte sie, und fügte an: «Ich danke euch dafür.»

Dann habe die Lehrerin zu einer Feuerrede für die hochdeutsche Sprache angesetzt: «Liebe Eltern, ihr wisst bestimmt, dass wir den Schulstoff ab diesem Schuljahr nur noch auf Standarddeutsch vermitteln. Da ist es sehr wichtig, dass ihr mir dabei helft. Ich zähle auf eure Unterstützung und bitte euch, die Lernziele zu Hause zu überprüfen.»

«Dass Sie mir dabei helfen, Sie, nicht ihr!», konnte sich der erwähnte Vater nicht verkneifen zu sagen. Die Lehrerin schaute ihn verwundert an, vermutlich, weil er es gewagt hatte, etwas zu sagen, ohne vorher die Hand zu heben.

«Wie bitte?», fragte die Lehrerin.

«Entschuldigen Sie! Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, dass man im Hochdeutschen zum Siezen die Sie-Form braucht. Das nennt sich dann auch Höflichkeitsform», sagte der Vater. Aber genau das habe sie doch getan, habe sich die Lehrerin empört: «Ich habe keinen von euch geduzt.»

Das möge stimmen, bestätigte der Vater, dem es mittlerweile unangenehm war, sich zum Sachverhalt geäussert zu haben. Vielleicht habe sie tatsächlich niemanden geduzt, aber sie habe auch niemanden gesiezt. Und er habe ihr nur sagen wollen, dass man auf Hochdeutsch zum Siezen nicht «euch» sagt, sondern je nach Kontext «Ihnen» oder «Sie». Man sage also nicht «Ich sage es euch», sondern «Ich sage es Ihnen» und man sage auch nicht «Ich bitte euch», sondern «Ich bitte Sie».

Die Lehrerin habe das Problem bis zuletzt nicht ganz verstanden, und der Vater sei sich vorgekommen wie der letzte Besserwisser. Er werde nie mehr jemanden beim Hochdeutschreden korrigieren, versprach er mir. «Soll doch jede Schulgotte reden, wie sie will! Nur mögen Sie dann bitte nicht uns Eltern die Schuld geben, wenn die Schulkinder am Ende der Schulzeit kein korrektes Hochdeutsch reden.»

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