Kolumne

«Sprachliche Moden und Marotten»: Corona zeigt, wie unsensibel wir mit Sprache umgehen

In seiner Kolumne schreibt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche über einen Begriff, dessen Konnotation sich in den nächsten Wochen diametral ändern könnte.

Pedro Lenz
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

Obgleich wir nicht wissen können, wie lange das Corona-Virus wütet und unseren Alltag bestimmt, hat man etwas bald annehmen wollen: Der Begriff «viral» oder das Wortpaar «viral gehen» werden nie mehr arg- und gedankenlos verwendet werden können.

Vor dem Auftreten des Corona-Virus hofften viele darauf, ihre Instagram-Posts, ihre Youtube-Clips oder ihre Tweets würden viral gehen. Vor Corona war «viral» der Begriff, alle wollten ihre Ideen und Kreationen viral verbreiten. Besser als viral ging gar nicht. Viral war ein Synonym für besonders schnell und besonders weit. Und wer wollte es als Mensch, als Geschäftsperson, als Youtuber, als Influencer, als Künstlerin oder als Künstler nicht besonders schnell besonders weit bringen? Songs, Memes, Sprüche, Fotos, fast alles was viral gehen konnte, ging irgendwann viral. Man könnte annehmen, nun habe der Wind gedreht. Man könnte glauben, jetzt, da ein wirklicher Virus da ist und Tag für Tag neue Schreckensnachrichten mit sich bringt, wolle fast niemand mehr daran erinnert werden, wie schnell und wie weit etwas viral gehen kann.

Man könnte auch denken, «viral» habe als Begriff ausserhalb der Medizin ausgedient. Es sah aus, als ginge es dem Wortpaar «viral gehen» wie so vielen Begriffen, die aus der Alltagssprache verschwinden, weil sie von der Wirklichkeit überholt werden. Wer sagt zum Beispiel noch «kabeln», wenn er «telefonieren» meint? So wie das Verb «kabeln» von der kabellosen Telefonie verdrängt wurde, hätte das Wort «viral» von einem echten Virus verdrängt werden können.

Solange die Gesellschaft als Ganze noch nicht von einem Virus und seinen sozialen und medizinischen Folgen betroffen war, wurden manche Dinge anders bewertet. Einst schien die herausragende Fähigkeit von Viren, sich rasch und unkontrolliert zu verbreiten, eine bewundernswerte Sache. Nach Corona jedoch, so dachten wir zumindest eine kurze Weile, wäre der Begriff für alle Zeit verseucht. Nun stellen wir erstaunt fest, dass im Netz immer noch vieles «viral geht». Offenbar wird etwas, das «viral geht» weiterhin bewundert und beklatscht, sogar und besonders auch Posts im Zusammenhang mit dem Corona-Virus. Als wäre nichts geschehen, wird der Begriff allerorts munter weiterverwendet. Schlagzeilen wie etwa «#Seifenboss. Basler Aufklärungskampagne geht viral», «Corona-Virus – virales Video. Frau hustet Mann im Zug in Australien an» oder «Corona-Virus Österreich: Rührender Brief aus Wien geht viral», gehören weiter zum Sprachalltag.

Dass trotz täglich ernster werdender Bedrohung durch den Virus noch immer alles danach strebt, viral zu gehen, ist schwer zu erklären. Entweder ist der Zusammenhang zwischen dem Wortpaar «viral gehen» und einem Virus niemandem mehr bewusst. Oder manchen Leuten ist es vollkommen egal, welche Begriffe mit welchen Wirklichkeiten zusammenhängen.

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