Sprachliche Marotten
Bitte kein Sommer-Märchen mehr!

In seiner aktuellen Kolumne schreibt unser Autor Pedro Lenz über Wortspiele mit Nachnamen. Er ist im Gegensatz zu den Urhebern der Witzchen nicht begeistert.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
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Der Schweizer Nationaltorhüter Yann Sommer musste in den letzten Tagen viele schlechte Wortspiele über sich ergehen lassen.

Der Schweizer Nationaltorhüter Yann Sommer musste in den letzten Tagen viele schlechte Wortspiele über sich ergehen lassen.

Bild: Claudio Thoma

Der sprechende oder schreibende Mensch ist immer wieder versucht, originell zu sein. Leider glaubt er jedoch zu oft an den ersten und plakativsten Gedanken, der ihm durch den Kopf geht. Er hält eine sprachliche Banalität schnell einmal für einen Geistesblitz und ein ausgelutschtes Sprachspiel für eine exklusive Neuheit.

Dass vermeintliche Erleuchtungen zu plumpen Billigstwitzen verkommen, geschieht mit grosser Regelmässigkeit bei Wortspielen, die auf Namen anspielen. Wer, wie ich zum Beispiel, Lenz heisst, hört in seinem Leben sicher mehrere hundert Mal eine Anspielung auf seinen Namen. Die Palette der Anspielungen ist allerdings leicht überschaubar, sie beschränkt sich auf Ausrufe wie: «Veronika, der Lenz ist da!» – «Nun will der Lenz uns grüssen!» oder «Mach dir einen schönen Lenz!» Diejenigen, die einem so etwas zurufen, haben von sich den Eindruck, originell und geistreich zu sein. Als Betroffener dagegen möchte man gähnen vor Langeweile.

Ähnliches widerfährt allen, deren Vor- oder Nachname zum Wortspiel einlädt. Jede Maria kennt mehr oder weniger peinliche Witzchen über Maria und Josef. Wer mit Nachnamen Fuchs oder Wolf heisst, wird tierische Anspielungen nicht mehr hören wollen. Auch wer einen Nachnamen wie Krieg oder Frieden hat, wird nicht davor verschont bleiben, Sprüche oder Weisheiten zu vernehmen, die Bezug auf den Namen nehmen.

Als Betroffener könnte man es locker nehmen, wegen seines Namens stets von neuem zum Gegenstand langweiliger und immer gleicher Scherze zu werden. Man könnte mit Selbstironie reagieren und die Peinlichkeit einfach weglachen, oder man könnte selbst einen faulen Spruch obendrauf geben. Was einen letztlich daran hindert, ist die Attitüde der Scherzenden. Ihre Gewissheit, etwas vollkommen Neues geschaffen zu haben, wenn sie auf der sprachlichen Wiese dem erstbesten und am meisten ausgetretenen Pfad gefolgt sind, ist zuweilen schwer erträglich. Die Betroffenen könnten diese Art Scherze noch knapp tolerieren. Aber es wäre zu viel verlangt, wenn man wollte, dass sie auch noch applaudieren.

Einer, der bestimmt ein Lied von dem Thema singen könnte, ist der Torhüter der Schweizer Fussballnationalmannschaft. Yann Sommer ist ein guter Goalie und ein höflicher Mensch. Kein Torhüter stand öfter im Tor der Schweizer Nati als er, und meistens hat er seine Aufgabe gut erledigt. Dennoch dürfen wir vermuten, dass Yann Sommer Schlagzeilen wie: «Das Yann-Sommer-Märchen» («11 Freunde»), «Schweizer feiern ihr Sommermärchen» («Norddeutsche Neueste Nachrichten»), «Das Sommer-Märchen von Bukarest» («Berliner Zeitung») oder «Das Schweizer SOMMER-Märchen («Bild online») allmählich satthat.

Sommer weiss bestimmt, dass er und seine Mitspieler in diesem Sommer Grosses geleistet haben. Muss man ihn deswegen tagelang mit den gleichen Wortspielen langweilen? Yann Sommer hätte es verdient, gerühmt zu werden, ohne Anspielung auf seinen Nachnamen, den er ja nicht selbst gewählt hat.

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