Sprachliche Marotten
Kleine Verschiebungen der Gewohnheiten

Über eine kleine Verschiebung der Wortreihenfolge schreibt unser Autor Pedro Lenz diese Woche, die verwendet wird, um für einen gewöhnlichen Satz besondere Aufmerksamkeit zu erlangen.

Pedro Lenz
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Im Tankstellenshop begegnet man besonders oft neuen sprachlichen Konstrukten.

Im Tankstellenshop begegnet man besonders oft neuen sprachlichen Konstrukten.

Bild: David Egger

Zunächst fiel es mir im Tankstellenshop auf. Die meist jungen Leute, die dort an der Kasse arbeiten, begannen einen Satz zu benutzen, der mich leicht irritierte. Er lautet: «E schöne Tag wünsch i.» Zweifellos ein höf­licher Satz, und er dient dazu, einen geschäftlichen Austausch abzuschliessen.

Die vorangehenden Sätze können lauten: «Isch das aues?» oder «Darfs süsch no öppis si?», gefolgt von der Nennung des zu zahlenden Betrags. Daraufhin erwähnen manche Kassenangestellten den Rückgeldbetrag, bevor sie ihn auszahlen, und vielleicht fragen sie noch, ob man den Kassenzettel mitnehmen möchte oder ob man eine Tragtasche braucht.

Alles längst eingespielt und sprachlich unspektakulär. Nur der letzte Satz im Verkaufsgespräch, diese immer öfter gehörte Aussage «E schöne Tag wünsch i», irritiert mich ein wenig.

Es muss mit der Wortreihenfolge zu tun haben. Sagte mir jemand, er wünsche mir einen schönen Tag, könnte ich mich bedanken und an etwas anderes denken. Die Wortreihenfolge wäre: «I wünschen e schöne Tag» oder, präziser, «I wünschen öich e schöne Tag». Beides käme mir unauffällig vor.

Selbst die eher saloppe Kurzform «E schöne Tag» oder das schlichte «E Schöne» würde mich keine Sekunde zum Nachdenken anregen. Dass jedoch «E schöne Tag» zuerst kommt und daran angehängt, aber dennoch betont, der Zusatz «wünschen i», ist ungewohnt und gleichzeitig besonders an Tankstellenshops im Raum Solothurn/Aargau immer verbreiteter.

Manche Leserin oder mancher Leser könnte vielleicht vorschnell befinden, es sei doch komplett egal, ob jemand sagt: «I wünschen e schöne Tag» oder «E schöne Tag wünschen i», aber ich kenne niemanden, der beide Formen nebeneinander braucht.

Die Leute verwenden nur die eine oder die andere Variante. Wäre es tatsächlich komplett egal, würden es die Sprechenden doch einmal so und einmal anders sagen. Folglich muss es einen guten Grund dafür geben, dass an besagten Tankstellenshops neuerdings immer öfter die zweite Variante im Umlauf ist.

Eine gesicherte Erklärung dafür, warum die Form mit angehängtem Prädikat und Subjekt bei jungen Leuten offenbar beliebter ist als die klassische Form, habe ich nicht. Immerhin können wir vermuten, diese leichte Abwandlung der gewohnten Sprechreihenfolge diene dazu, die Aufmerksamkeit der Zuhörenden zu erhöhen.

Ist die Floskel «I wünschen e schöne Tag» derart ausgeleiert, dass niemand sie noch bewusst wahrnimmt, provoziert eine kleine Veränderung ein neues Hörverhalten. Es ist, als sagten die Leute beim Krankenbesuch statt «Gute Besserung» auf einmal «Bessere Gutung». Man würde es auch verstehen, und es wäre ungefähr der gleiche Wunsch, aber die leichte Verschiebung hätte zur Folge, dass so ein Wunsch bewusster entgegengenommen würde. Mich verständlich ausgedrückt zu haben, hoffe ich, und einen schönen Tag wünsche ich.

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