Sprachliche Marotten
Getarnte Germanismen in der Mundart – hier ist die Sprachpolizei inkonsequent

In seiner aktuellen Kolumne schreibt unser Autor Pedro Lenz über die unlogischen Regeln der Sprachpolizisten. Nicht alle eingeschleppte Wörter stören gleich fest.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
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Wer einen Germanismus benutzt, wird von selbsternannten Sprachpolizisten schnell zurechtgewiesen.

Wer einen Germanismus benutzt, wird von selbsternannten Sprachpolizisten schnell zurechtgewiesen.

Bild: Keystone

Die Mundartpolizei ist bekanntlich omnipräsent, schnell und streng. Ausserdem ist sie gnadenlos effizient, weil wir alle potenzielle Mundartpolizisten sind, die immer gerne dabei mithelfen, unsere Mitmenschen zu belehren. Ein besonderes Augenmerk wirft sie auf Germanismen, also auf jene Begriffe oder Satzkompositionen, die sich aus dem Hochdeutschen in die Mundart schleichen. Manche dieser Germanismen erkennt die Mundartpolizei auf Anhieb, andere tarnen sich so geschickt, dass sie lange unerkannt bleiben.

«Öufmeter» und «Eggbau» sind beispielsweise solche getarnten Germanismen. Sie verdrängen allmählich die alten Mundartbegriffe «Penauty» und «Corner», die ihrerseits früher einmal Anglizismen waren, dann aber rasch von der Mundart adoptiert worden sind. Dass «Öufmeter» oder «Eggbau» von der Mundartpolizei kaum beanstandet werden, hängt wohl auch ein wenig damit zusammen, dass sie ihr Augenmerk weniger auf den Sport, als vielmehr auf den öffentlichen Raum richtet.

Brüllt beispielsweise jemand auf Schweizerdeutsch in sein Handy: «I ha doch gseit, i warti ungen ar grosse Träppe!», richtet sich der strenge Polizeifinger auf diese «Träppe», die doch bei uns bis vor kurzem immer nur «Stäge» genannt wurde.

Ähnlich schnell zeigt der Polizeifinger auf jene, die sagen: «Mir gseh nis am Samschtig uf em Markt!» Dieser Markt müsste doch auf Schweizerdeutsch, so die unmissverständliche Ansicht jedes Mundartpolizisten «Märit», «Märet» oder «Märt» heissen, aber ganz bestimmt nicht «Markt». Und selbst in sonst noch toleranten Ohren kratzt es ein wenig, wenn einer in schweizerdeutscher Mundart sagt: «I muess hütt no der ganz Tag arbeite.» Für das hochdeutsche Verb «arbeiten» möchte das sensibilisierte Mundartohr «schaffe» oder «wärche» hören.

Bis hierhin ist alles einigermassen einfach und nachvollziehbar. Eine klare Mehrheit der Mundartsprechenden in der Deutschschweiz verwendet, ohne zu zögern, die Begriffe «Stäge», «Märit» und «schaffe» und nur wenige brauchen die oben erwähnten Germanismen. Komplizierter wird es freilich in jenen Fällen, in denen sich die Treppe, der Markt oder das Arbeiten in zusammengesetzten Wörtern verstecken. Wird die «Träppe» im Normalfall von der Mundartpolizei noch problemlos als Germanismus entlarvt und gerügt, sieht es bei der mechanischen «Rolltreppe» anders aus.

Hier ist das mundartliche Wort «Routräppe» viel gebräuchlicher als die «Roustäge». Auch der «Markt» kann sich leicht tarnen, wenn er nur als Wortteil erscheint. Wir reden dann in Mundart zum Beispiel von der «freie Markwirtschaft» oder von der «Finanzmarktufsicht», aber kaum von der «freie Märitwirtschaft» oder einer «Finanzmäritufsicht». Ähnlich verhält es sich mit der «Soziauarbeitere», die im mundartlichen Sprachgebrauch praktisch nie zur «Soziauwärchere» oder «Soziauschaffere» mutiert.

Die Wortzusammensetzungen sind also ein Feld, das die Mundartpolizei allenfalls noch beackern könnte («beackern» heisst auf Mundart übrigens «z Acher fahre»).

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