Sprachkunst in der Hauptpost St.Gallen: Warten auf die höchste Zeit

Aus skurrilen Miniaturgeschichten wird ein szenisches Konzert: Nelly Bütikofers «Die Fragwürdigen» mit Texten von Judith Keller gastierte im Raum für Literatur.

Bettina Kugler
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Die Tänzerin Nelly Bütikofer mag Texte, die federleicht sind - und nicht so leicht zu fassen sind. In «Die Fragwürdigen» hat sie Regie geführt.

Die Tänzerin Nelly Bütikofer mag Texte, die federleicht sind - und nicht so leicht zu fassen sind. In «Die Fragwürdigen» hat sie Regie geführt.

Bild: Benjamin Manser

Sie kommen und gehen; sie nehmen im Halbdunkel auf Klappstühlen Platz, als sässen sie im Wartezimmer des Lebens: zwei Frauen, zwei Männer. Die eine Sängerin, die andere Tänzerin; ein Musiker mit E-Gitarre und Verstärker, ein Schauspieler ohne Zubehör. Eine gute Stunde lang blättert dieses sehr schillernde Quartett im Geiste in Judith Kellers Prosaband «Die Fragwürdigen» und lässt in der gleichnamigen Bühnenversion schattenhaft Figuren vorbeiziehen, die Amalie heissen oder Rüdiger, Paula, Marie, Frau Finsterwald oder einfach «eine weit hergeholte Frau». Weit hergeholt sind sie allerdings nicht.

Ihre Tristesse spätabends auf der Autobahnbrücke, ihre Ratlosigkeit angesichts der Frage, was sie mit sich anfangen sollen oder ob sie ihr Leben einfach so wegschmeissen können, wenn sie nicht einmal einen perfekten Abschiedsbrief zustande bekommen, all das wirkt auf unheimliche Weise vertraut. Es sind diffuse Unpässlichkeiten, die sich der gut funktionierende Zeitgenosse nicht zugesteht, die aber latent doch überall lauern. Am besten, man überlässt sie den Rüdigers und lacht über deren Skurrilität – ein Lachen, das im Hals steckenbleibt, darin kitzelt und auf gerade noch erträgliche Weise wehtut. Und man wartet weiter auf die höchste Zeit. So muss es an der Premiere im November gewesen sein, in Rapperswil. Nun hat es am Donnerstag auch in St.Gallen funktioniert, im leider spärlich besuchten Raum für Literatur.

Schlaglichter auf das absurd Gewöhnliche

Isa Wiss, Claire Birrfelder May, Julius Griesenberg und Michael Wernli spielen sich in der Collage unter der Regie von Nelly Bütikofer virtuos die Bälle zu. Sie schlüpfen nicht etwa in wechselnde Rollen und «verkörpern» Episoden aus dem seltsam gewöhnlichen Leben von Menschen, die uns vielleicht gerade erst auf der Strasse begegnet sind. Eher lassen sie diese unsichtbar durch den Abend geistern, balancieren wort- und stimmgewaltig auf dem schmalen Grat zwischen Wirklichkeitsnähe und Absurdität.

Kaum glaubt man eine von ihnen zu fassen zu kriegen, schon kippt die Geschichte in eine andere Richtung, drängt sich eine andere Figur in den Vordergrund, schlägt Stimmkünstlerin Isa Wiss andere Töne an – und ihr Spektrum ist dabei immens. Text-«Konzert» ist der Abend mindestens so sehr wie Theater. Allerdings auch etwas für Mutige, man könnte sagen: für Sprachwillige, Denk-würdige. Die Fragwürdigen jedoch sind eindeutig in der Mehrheit.