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Sprachkünstlerin, die polarisiert

Die Wiener Nobelpreisträgerin spielt beharrlich die Themen Gewalt, Sex und Geschlechterkampf durch. Zum 70. Geburtstag am Donnerstag ein Blick auf die Wurzeln ihres Werks.
Mario Andreotti

An den kleinen Vorfall vor 21 Jahren erinnere ich mich noch gut: Da hielt ich an der Universität Innsbruck eine Gastvorlesung über neuere Schweizer Literatur und erwähnte im Zusammenhang mit einer Schweizer Autorin den Namen Elfriede Jelinek. Kaum hatte ich den Namen ausgesprochen, schrie eine Frau, die offenbar wusste, dass ich Schweizer bin: «Die können Sie mitnehmen!» Der kleine Vorfall zeigt, wie sehr die Wiener Autorin in weiten Kreisen der literarischen Öffentlichkeit auf Ablehnung stösst. Dies so sehr, dass sich der emeritierte Sprachprofessor Knut Ahnlund im Oktober 2005 aus Protest gegen die Verleihung des Literaturnobelpreises an Jelinek ein Jahr zuvor aus dem Komitee der Schwedischen Akademie zurückzog. Warum, fragten sich 2004 viele Kritiker, wird eine Autorin geehrt, die beharrlich ihr Themenpotpourri von Gewalt, Sex und Geschlechterkampf durchspielt?

Leiden an der Übermutter

Elfriede Jelinek wurde am 20. Oktober 1946 in der Steiermark in kleinbürgerliche Verhältnisse hineingeboren und wuchs in Wien auf. Ihr Vater, Friedrich Jelinek, war Chemiker jüdisch-tschechischer Herkunft, überlebte, da er in der Rüstungsindustrie tätig war, den Holocaust. Ihm, der geistig umnachtet 1969 starb, hat Elfriede Jelinek 1995 im Roman «Die Kinder der Toten» ein eindrückliches Denkmal gesetzt. Darin befasst sie sich mit der jüdischen Herkunft des Vaters und klagt, ähnlich wie im Stück «Burgtheater», mit dem sie ihren ersten Skandal heraufbeschwor, die Verdrängung der NS-Vergangenheit in Österreich an.

Bedeutender für Jelineks Kindheit und Entwicklung war aber die Mutter. Streng katholisch und autoritär, hatte sie den ehrgeizigen Plan, ihre Tochter zum musikalischen Wunderkind zu dressieren. Früh musste sich Elfriede der Disziplin unterwerfen, die hohe Kunst abverlangte. Sie erhielt Ballettunterricht, spielte als Grundschülerin Klavier, Geige, Bratsche, Gitarre und Flöte. Sie studierte am Wiener Konservatorium Klavier, Orgel und Komposition und parallel an der Universität Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Die stete Bevormundung und Überforderung durch die Mutter, mit der sie, trotz ihrer Heirat 1974, bis zu deren Tod im Jahr 2000 zusammenlebte, führte 1968 zu einem Nervenzusammenbruch. Er löste Angstzustände aus, die Elfriede Jelinek bis heute verfolgen. Diese dürften mit ein Grund gewesen sein, dass sie 2004 nicht zur Preisverleihung nach Schweden reiste, sondern den Nobelpreis unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Wien entgegennahm. Im 1983 erschienenen Roman «Die Klavierspielerin», von Michel Haneke verfilmt und in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, setzt sie sich mit dem neurotischen Verhältnis zu ihrer Mutter auseinander.

Elfriede Jelineks polarisierendes Werk nährt sich hauptsächlich aus drei Wurzeln: aus einer neomarxistischen Weltsicht, einem radikalen Feminismus und einer eigenwilligen Sprache.

Obszöne Radikalität, eigenwillige Sprache

In ihren frühen Romanen steht der Neomarxismus im Zentrum, gilt die Kritik der Autorin vorwiegend der kapitalistischen Konsumgesellschaft. Besonders eindrücklich im Roman «Die Liebhaberinnen», einer 1975 erschienenen Parodie auf den herkömmlichen Liebes- und Heimatroman, in der sämtliche Figuren, trotz ihrer unterschiedlichen Lebensschicksale, letztlich auf ihren Marktwert in der Konsumwelt reduziert sind. Mit ihr gelang Jelinek der literarische Durchbruch.

Aus neomarxistischer Sicht sind alle Ungleichheiten von Menschen mit der Klassengesellschaft entstanden und mit ihr zu beseitigen. Das gilt vor allem für die Ungleichheit von Mann und Frau. Kein Wunder, dass bei Jelinek Neomarxismus und Feminismus eine enge Verbindung eingegangen sind. Diese Verbindung ist es gerade, die den Romanen und Theaterstücken ihre Radikalität verleiht. Danach ist es, ganz im Sinne der Frauenliteratur, die patriarchale Gesellschaft, die schuld an der sexuellen Unterdrückung der Frauen und damit an ihrem Unglück ist. Besonders deutlich wird diese grundlegende Position im Roman «Lust», dem meistverkauften Buch Jelineks, das von der Kritik als «weiblicher Porno» skandalisiert wurde. Dabei wurde übersehen, dass es sich um eine bewusst überzeichnete sexuelle Groteske handelt, um Sex als Herrschaftsverhältnis, der beim Leser eher Abscheu als lüsternes Erröten auslöst. Ähnliches wäre von Dramen wie «Clara S.» und «Krankheit oder Moderne Frauen» zu sagen, in denen die Autorin die tödlichen Fallen beschreibt, in die weibliche Figuren verstrickt sind.

Eigenwillig ist Jelineks von der «Wiener Gruppe» beeinflusste Sprache. Elemente der Amtssprache und des Kalauers, der religiösen Formelsprache und ironisch verwendete Zitate werden zu einer unnachahmlichen Einheit gemischt. Schon in ihrem Début «wir sind lockvögel baby!», dem ersten deutschsprachigen Pop-Roman, bewies sie ihre Gabe, mit dem vorgeformten Sprachmaterial aus Comics und Horrorclips, aus Beatles- und Heintje-Texten groteske Mixturen entstehen zu lassen – und dies durchwegs in Kleinschreibung ohne Satzzeichen. Hier bereitete die Autorin vor, was sie in den folgenden Werken immer wieder thematisiert hat: Gewalt, Familie, Liebe und Sex.

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