Sprachglosse
Warum ein Schubs besser wäre als ein Booster

Das Wort «Booster» ist derzeit überall zu hören. Doch per Definition ist Booster nicht unbedingt die richtige Bezeichnung für die Auffrischimpfung. Besser als Booster-Impfung wäre deshalb Schubs-Impfung.

Katja Fischer De Santi
Katja Fischer De Santi
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Sprachlich gesehen ist das Wort «Booster» nicht ganz passend für die Auffrischimpfung.

Sprachlich gesehen ist das Wort «Booster» nicht ganz passend für die Auffrischimpfung.

Lynne Sladky / AP

Booster hier, Booster da. Die einen wollen unbedingt und bitte sofort geboostet werden, dafür gehen sie bis über die Grenze, für die anderen bedeutet die Booster-Impfung der Anfang vom endlosen Geboostere. Das englische Wort «boost» wird gerade derart inflationär angewandt, dass man meinen könnte, wir seien alle unter die Nasa-Ingenieurinnen gegangen.

Bevor dieser Planet in einen virulenten Ausnahmezustand geriet, hat man üblicherweise Raketen und nicht Menschen mit Booster verstärkt. «A booster is an extra engine in a machine such as a space rocket, which provides an extra amount of power at certain times», lautet die erste Definition im englischsprachigen Wörterbuch.

Übersetzt meint Booster also ein Zusatztriebwerk oder die erste Stufe einer Trägerrakete. Ein Booster ist ein extra Schub, im Raketenbau ein ziemlich gewaltiger, die Schwerkraft überwindender Schub sogar. So gesehen ist der Begriff nicht ganz passend für die Auffrischungsimpfung, die im Fall von Moderna nur noch die halbe Dosis enthält. Sie ist eher mit einem Erinnerungsanruf an die Gedächtniszellen zu vergleichen. Schubs- statt Booster-Impfung wäre wohl die bessere Wortwahl gewesen. Doch zu spät, diese Wortrakete ist, einmal ­gezündet, nicht mehr aufzuhalten.

Auch weil Auffrischungsimpfung ein derart langes Wort ist, dass es kaum auf eine dieser Zeilen und schon gar nicht in einen Zeitungs­titel passt. Deshalb wird in den Medien allerorts kurz und knackig geboostet, was das Zeug hält. Das Wort hat aber schon vor Corona eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Bis um 1985 herum wurde es im deutschsprachigen Raum kaum benutzt, wie man in der Verlaufskurve des deutschen Wortschatzes (dsds.de) nachschauen kann.

Dann 1986 ein massiver Ausschlag, das englische Wort erscheint plötzlich in vielen deutschen Zeitungen. Der Grund dürfte ein tragischer sein. Im Januar 1986 explodiert die Raumfähre «Challenger» kurz nach dem Start und stürzt in den Atlantik. Alle sieben Astronauten kommen ums Leben. Grund für das Unglück ist ein poröser Dichtungsring an einer der Antriebsraketen, den Booster rockets.

Seither weiss man auch hierzulande, ein Booster kann auch nach hinten losgehen. Dieses Unglück hielt den Begriff aber nicht davon ab, eine kontinuierliche Karriere in allen möglichen Fachrichtungen zu starten. In der Kosmetikindustrie wird schon seit Jahren alles geboostet, was irgendwie schlapp zu werden droht. «Vitamin C Booster für die Haut», «Volumen-Booster für die Haare», Tusche, welche Wimpern auf XXL-Länge boosten.

Die Herren der Schöpfung kauften sich derweil Booster-Teile, um ihre Musikanlagen in neue Klangsphären zu hieven. Auch allerlei zweitklassige Filme mit Booster im Titel sind bereits erschienen. Meist gab es darin viele Explosionen.

So richtig zünden wollte das alles aber nicht. Anfang 2020 erreichte das Wort Booster einen Tiefpunkt. Doch dann kam Delta und «an extra amount of power» schien plötzlich nicht mehr nur gegen Falten nötig.

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