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Splatter, Action, Intrigen

Besser als manche Familien-Polit-Serie: Im Theater St. Gallen inszeniert Katja Langenbach John von Düffels Antikenfassung «Ödipus Stadt» rasant, einfallsreich und sehr genau auf einem imposanten Stahlgerüst.
Valeria Heintges
Kreon, der Verwalter und Strippenzieher, mit Teiresias, dem Seher: Marcus Schäfer und Christian Hettkamp in «Ödipus Stadt». (Bild: Tine Edel)

Kreon, der Verwalter und Strippenzieher, mit Teiresias, dem Seher: Marcus Schäfer und Christian Hettkamp in «Ödipus Stadt». (Bild: Tine Edel)

Zu Beginn sind sie alle Kammerjäger, räuchern die Stadt aus, wollen das Ungeziefer mit Rauch und Sprühnebel vertreiben. Denn Theben wird von der Pest heimgesucht. Aber das Übel sitzt tiefer. Oder höher: Auf dem Königsthron nämlich, wo Ödipus herrscht, seit er Iokaste heiratete. Mit Ödipus kam das verfluchte Geschlecht der Labdakiden nach Theben; Ödipus zeugte vier Kinder – und gemeinsam werden Vater, Söhne und Töchter die Stadt in den Ruin reiten.

Vier Dramen in einem

So jedenfalls will es die antike Mythologie, so wollen es die frühesten Dramatiker Aischylos, Sophokles und Euripides. Vier ihrer Dramen hat der Dramaturg und Buchautor John von Düffel in eine einzige Fassung gebracht, die am Mittwochabend im Theater St. Gallen ihre Schweizer Erstaufführung erlebte.

Nicht mehr Ödipus oder seine Söhne Eteokles und Polyneikes oder seine Töchter Antigone und Ismene stehen bei John von Düffel einzeln im Fokus. Vielmehr wird an einem Abend die Geschichte einer Familie erzählt, die sich von Generation zu Generation tiefer ins Unglück bringt – und doch auch immer wieder Menschen mit Charakter hervorbringt, mit Ecken und Kanten, stolz, hochmütig, aber auch schlau und mutig.

Rasante Aufstiege und Abstürze

In St. Gallen hat Bühnenbildnerin Hella Prokoph für Regisseurin Katja Langenbach ein imponierendes, dreistöckiges Stahlgerüst auf die Bühne gestellt, in dem die Aufstiege und die Abstürze der Menschen sinnfällig gezeigt werden können – und das sich gleichzeitig mit Leitern, Treppen und sogar einer Dusche als sehr gut bespielbar erweist. Inklusive ebenfalls dreistöckigem Etagenbett und einem Schlagzeug, das gelegentlich übel malträtiert wird und als Wutventil dient, gibt das schnelle Auftritte. Die verleihen dem ohnehin sehr gestrafften Text Tempo und lassen ihn – trotz drei Stunden Spiellänge inklusive Pause – nie langweilig werden (auch wenn der Schnarcher eine Reihe weiter oben das anscheinend anders empfand).

Regisseurin Langenbach führt ihre Schauspieler streng und genau durch das Geschehen: Oliver Losehand ist Ödipus, der nach und nach feststellen muss, dass sich das Orakel bewahrheitet hat, das ihm den Mord an dem Vater und die Ehe mit der Mutter voraussagte. Zunächst ist er unwissend, aber dann dämmert ihm das Ausmass des Schreckens – und Losehand wird vom arroganten Machthaber zum verzweifelten Wahnsinnigen.

Der Fels in der Brandung

Silvia Rhode stellt als Iokaste dem die geerdete, realistische Frau und Mutter gegenüber, die als Fels in der Brandung immer wieder Streit zu schlichten versucht. Langsam verliert auch sie ihre Kraft: Der Gatte ein Mörder, die Kinder seine Geschwister. Als sich im zweiten Teil ihre Söhne Eteokles und Polyneikes aus reiner Gier um die Macht streiten, versucht sie wieder, jetzt nicht mehr in Königinnenrobe, sondern im Kriegsmantel, zu schlichten. Doch die Brut ist besessen: Als Eteokles und Polyneikes ihre Heere aufeinanderhetzen und dann – als alles schon vorbei sein könnte – sich gegenseitig im Duell umbringen, sieht die Mutter die Lösung nur noch im Selbstmord.

Und zwischen all dem ist Kreon, Iokastes Bruder. Petra Winterer hat Marcus Schäfer in einen Anzug mit Krawatte gesteckt. Denn er ist der Organisator, der Verwalter, der Strippenzieher, derjenige, der sich nicht die Finger dreckig machen will und doch Unheil stiftet.

Der perfekte Vollblutpolitiker

Als ihm der Seher Teiresias (Christian Hettkamp als Guru mit Gummikörper) offenbart, dass nur der Tod des eigenen Sohnes die Stadt retten kann, sackt sein Körper kurz zusammen. Typische Kreon-Lösung: Der Sohn muss fliehen. Als Menoikeus dennoch tot vor ihm liegt, weil er selbst Opfer sein wollte, scheint Kreon gebrochen. Aber nein: Schon den Tod von Eteokles, Polyneikes und Iokaste nimmt er nur mit einem staubtrockenen «Ja, schrecklich» entgegen – bindet sich die Kette des Herrschers um und schwingt eine Seifenblasen-Rede ans Volk. Längst ganz der perfekte Vollblutpolitiker.

Machtgier gegen echten Mut

Für die Macht geht er über Leichen. Antigone will beide Brüder bestatten – denn nur so können sie in die Totenwelt gelangen. Kreon verbietet ihr das für Polyneikes. Im dritten Teil, dem Antigone-Drama, krachen mit Kreon und einer wunderbar frisch und glaubhaft wirkenden Danielle Green als Antigone kalte Machtgier und schiere Lebenslust, gepaart mit echtem Mut, aufeinander. Kurzfristig gewinnt die Macht. Doch dann tauchen die Geister der Vergangenheit wieder auf.

Ein Abend, spannend wie ein Krimi, der jede Familien-Politserie an Action und Splatter-Elementen übertrifft. Das Publikum zeigte sich sehr beeindruckt.

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