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Im Bahnhof Zürich steht ein riesiger gehäkelter Baum

Die baumgrosse Installation des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto soll mitten in der Bahnhofshalle Zürich zum Innehalten anregen. Im Inneren des riesigen Makramee soll gesungen meditiert und die Problem der Welt gelöst werden.
Katja Fischer De Santi
Kein Nagel, keine Schraube braucht es, um das 1120 Quadratmeter grosse Kunstwerk zu installieren.

Kein Nagel, keine Schraube braucht es, um das 1120 Quadratmeter grosse Kunstwerk zu installieren.

Ernesto Neto, einer der bedeutendsten Künstler Brasiliens, sitzt in seinem gigantischen «Mutterbaum» und singt. Um ihn herum hocken am Freitagmorgen rund 20 Schweizer Medienleute barfuss auf gehäkelten Kissen und fragen sich, ob dies eine Pressekonferenz oder ein Gottesdienst ist.

Ernesto Netos 20 Meter hoher, von Hand aus Stoffbändern geknüpfter «Gaia Mother Tree» ist in der Zürcher Bahnhofshalle nicht zu übersehen. Durch einen schlangenartigen Tunnel wird der Baum für jedermann begehbar.

Drinnen gilt: «Schuhe ausziehen, sich hinlegen, ein Nickerchen machen und träumen.»

Der gehäkelte Baum ist für Ernesto Neto ein heiliger Ort. Eine Hommage an Mutter Erde. «Wir alle sind Natur.» Darauf sollen sich gemäss dem Künstler alle Menschen wieder besinnen, die jeden Tag durch diese Halle eilen.

Der 54-jährige Brasilianer ist ein guter Geschichtenerzähler. Sein Schaffen, das in renommierten Museen weltweit zu sehen ist, ist einfach zu verstehen. Seine Arbeiten kommen den Menschen nahe, sind begeh- und berührbar. Auch seine Botschaft ist simpel: Wir sollen die Natur mehr respektieren und auf unser Herz ­hören. Neto hat etwas von einem Guru, wenn er mit geschlossenen Augen dasitzt und über die «Zeit der Transformation» spricht, die nun begonnen habe. Er wettert gegen Soja-Monokulturen, Pesti den Huni Kuin überzuleiten, einer indigenen Bevölkerungsgruppe im brasilianischen Amazonasgebiet. Bei eben diesen habe er 2013 zuerst die Urwalddroge Ayahuasca und dann die Fingerhäkeltechnik kennen gelernt. Der Lianentrank habe sein Bewusstsein, die Häkeltechnik seine Kunst erweiter. Bräuche, Ästhetik, Naturwissen und Weltanschauung der Huni Kuin sind wesentliche Bestandteile Netos Arbeit geworden. Seither hat er dem Nylon, dem Material seiner früheren Arbeiten, abgeschworen. Er arbeitet nun mit Stoffbändern aus Baumwolle, die zugeschnitten werden.

600 Kilogramm Gewürze zur Stabilisation

Der riesige «Gaia Mother Tree» in Zürich, für den 27 Personen in Rio de Janeiro wochenlang über 10000 Meter Baumwollstoff verhäkelt haben, ist ein Höhepunkt seiner Zusammenarbeit mit den Indigenen. Kein Nagel, keine Schraube braucht es, um das 1120 Quadratmeter grosse Kunstwerk zu installieren. Wie Regentropfen hängen Gegengewichte, gefüllt mit gemahlenen Gewürzen, vom Baum und stabilisieren die Installation. Auf dem Boden beschweren 840 Kilogramm Erde das Werk. Filigran und monumental, organisch und futuristisch hängt der Baum bis Ende Juli in der Bahnhofshalle.

Der Künstler Ernesto Neto vor seiner Installation "GaiaMotherTree" im Zürcher Hauptbahnhof. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Der Künstler Ernesto Neto vor seiner Installation "GaiaMotherTree" im Zürcher Hauptbahnhof. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Es braucht nicht viel Fantasie, um beim «Gaia Mother Tree» an den Avatar-Film von James Cameron zu denken. Der «Baum der Seelen» auf Pandora ist der heiligste Ort der blauen Na’vi, das Zentrum allen Lebens. Ein Ort der Kommunikation mit der Natur und den Ahnen. Auch Ernesto Netos Vision ist es, dass in seinem Mutterbaum die Menschen zusammenkommen. Zum Meditieren, Singen, Tanzen, aber auch um noch einige der drängendsten Probleme unserer Zeit lösen (siehe Kasten).

2,7 Millionen für einen Monat Kunst im HB

Lanciert wurde das Kunstprojekt von der Fondation Beyeler. ­Direktor Sam Keller hatte dem bekannten Künstler die Bahnhofshalle gezeigt, und dieser sei sofort begeistert gewesen. Noch vor Ort habe er auf einer Serviette erste Ideen skizziert. Seit ihrer Gründung hat die Fondation mit Sitz in Riehen bei Basel immer wieder Projekte im öffentlichen Raum mit Künstlern wie Jeff ­Koons umgesetzt. «Gaia Mother Tree» übertrifft an Aufwand und Kosten jedoch alles Dagewesene. Von 2,7 Millionen Franken ist die Rede. Die Stadt Zürich, der Lotteriefonds, verschiedene Stiftungen und eine illustre Liste privater Mäzene wie Uli Sigg oder Michael Ringier beteiligen sich daran. Noch seien aber nicht alle Kosten gedeckt,. «‹Gaia Mother Tree› wird während des nächsten Monats das meist frequentierte Kunstwerk der Schweiz sein», sagte Sam Keller am Freitag. Das meist fotografierte dürfte es schon jetzt sein. Im Sekundentakt bleiben Passanten stehen, zücken ihr Smartphone und eilen weiter. Wie viele Innehalten und so der Einladung des Künstlers folgen werden, wird sich erst noch zeigen.

Gratis Rahmenprogramm für Kinder und Erwachsene


«Gaia Mother Tree» will bis 29. Juli ein Ort der Begegnung sein. Ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm für Erwachsene und Kinder findet im Inneren statt. Täglich über Mittag wird eine Werkbetrachtung angeboten. Jeweils morgens um sieben findet eine Meditation statt. Immer Samstags gibt es Makramee-Workshops und diverse Konzerte. An Vorträgen und Lesungen werden Mythen thematisiert, aber auch nach Lösungen für drängende Umweltfragen unserer Zeit gesucht. Alle Anlässe sind kostenlos und ohne Anmeldung zu besuchen.
fondationbeyeler.ch

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