Spirituell oder theaterpraktisch prall

Der exzentrische Dirigent Teodor Currentzis hat Mozarts «Don Giovanni» aufgenommen – packend und überraschend, trotz mässiger Sängerbesetzung.

Tobias Gerosa
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Ein Besessener: Teodor Currentzis (Bild: Anton Zavjyalov)

Ein Besessener: Teodor Currentzis (Bild: Anton Zavjyalov)

Man liebt ihn oder hält ihn für effekthascherisch: Teodor Currentzis lässt niemanden kalt. Jetzt legt er mit «Don Giovanni» die dritte Gesamtaufnahme des Mozart-Da-Ponte-Zyklus vor und sie wird die Meinungen kaum umstürzen, so konsequent verfolgen der Dirigent, seine eingeschworenen Ensembles und die Solisten die eingeschlagene Bahn weiter.

Bassdunkler Don Giovanni, wendiger Leporello

Currentzis tut das so konsequent, dass er offenbar die bereits eingespielte Oper verwarf und grosse Teile neu aufnahm – was an unterschiedlicher Orchesterbesetzung, nachgewiesen im Booklet, sicht-, aber nicht hörbar wird. Im Interview betont er die Spiritualität der Musik als sein Ziel. Über seine extrovertierte Art, die Musik mehr zu tanzen als zu dirigieren, kann man streiten – aber dieser «Don Giovanni» fetzt.

Er tut das wie vorher schon «Così fan tutte» und «Le Nozze di Figaro». Und wie dort ist's nicht eine herausragende Sängerbesetzung, die es ausmacht – wenngleich sie hier kaum schwache, aber auch keine speziell hervorragenden individuellen Sängerpersönlichkeiten aufweist: Das ist Ensemblesingen im besten Sinn, gestaltet aus dem textlich und musikalisch vorgegebenen Text und doch immer wieder überraschend in der Interpretation.

Dimitris Tiliakos ist ein bassdunkler, schwerer Don Giovanni, dem mit Vito Priante ein wendiger Leporello zur Seite steht. Bei den Frauen wirkt Karina Gouvin als Donna Elvira individueller als Myrto Papatanasius Donna Anna, beide bewältigen die technischen Anforderungen aber mühelos. Kenneth Tarver als Don Ottavio hingegen nutzt die Chance seiner beiden Arien, um der blassen Rolle feinen vokalen Glanz zu verleihen.

Getragen, gedrängt und gestützt vom Dirigenten

Und dieses Ensemble wird getragen, gedrängt und gestützt von einem Dirigenten, der die Extreme sucht und vor allem in den Rezitativen – am Fortepiano begleitet von Benoit Hartoin und Maxim Emelynychev, der Currentzis jetzt auch am Opernhaus Zürich als Dirigent der «Entführung aus dem Serail» vertritt – frei ausschmückt. Das Hammerklavier spielt aber auch immer wieder in die Arien hinein, das mandolinenbegleitete Ständchen der Hauptfigur machen Bass und Verdoppelung des Zupfinstruments zu einer regelrechten Swing-Nummer. Sie ist zudem bereits im vorangehenden Terzett angelegt: Unter Giovannis Gesangslinie klimpert bereits die Mandoline mit. Zusammen mit den oft nahtlosen Übergängen ergibt das einen regelrechten Hörsog, in dem die Verzierungen der Sängerinnen und Sänger eine ganz enge Verbindung zu den Freiheiten in der Begleitung setzen – ja dieses Verhältnis in Richtung einer interessanten Gleichberechtigung verschieben.

Ein Höhepunkt ist das Finale des ersten Aktes, wo Currentzis die verschiedenen Festorchester mit ihren unterschiedlichen Rhythmen förmlich aufeinanderprallen lässt. Das atmet Theater und musikdramatische Wahrhaftigkeit. Man kann das Spiritualität nennen – oder einfach eine tolle, mutige Interpretation.

W. A. Mozart: Don Giovanni, Teodor Currentzis, Music Aeterna, 3 CDs, Sony Classical