Spinner oder Genie, alles ist möglich

Ich war mir eigentlich sicher, dass es sich bei Sufjan Stevens um einen grössenwahnsinnigen, wenn auch musikalisch talentierten Spinner handelt. Er wollte einst über jeden US-Staat einen eigenen Songzyklus schreiben.

Katja Fischer De Santi
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Bild: Katja Fischer De Santi

Bild: Katja Fischer De Santi

Ich war mir eigentlich sicher, dass es sich bei Sufjan Stevens um einen grössenwahnsinnigen, wenn auch musikalisch talentierten Spinner handelt. Er wollte einst über jeden US-Staat einen eigenen Songzyklus schreiben. Erklärt nach nur zwei Alben das Projekt für gescheitert, um kurz danach 58 Weihnachtslieder auf fünf Schallplatten zu veröffentlichen. Sufjan Stevens, so dachte ich, ist eines jener queren Genies, in dessen Köpfe zu viele Drähte gleichzeitig verglühen. Sein vorletztes Album «Age Of Adz» war mir einmal mehr Beweis dafür. Der 39-Jährige hatte damals gerade die elektronische Musik für sich entdeckt. Kombiniert mit seinem Grössenwahn, ergab das ein Gemisch, das klang wie ein Kindergeburtstag auf Speed.

Und dann bringt Stevens ein neues Album raus und wieder ist alles anders, aber diesmal ist es unglaublich schön, aufwühlend. Und vor allem reduziert. Die verwendeten Saiten- und Tasteninstrumente kann man an einer Hand abzählen. Und über allem schwebt seine Stimme. Was war geschehen? Ende 2012 starb Stevens' Mutter Carrie. In der Folge fühlte er sich von deren Geist verfolgt und schickte sich an, all ihre Fehler (sie war zeitlebens depressiv und drogensüchtig) zu wiederholen. Doch dann begann Stevens Songs zu schreiben, über seine Mutter, über den Tod, und hielt sich so am Leben. Zum Glück. Ich höre ihm schon seit Wochen zu. Vielleicht spinnt er noch immer, aber es hört sich wunderbar an.

Sufjan Stevens: «Death with Dignity», Carrie & Lowell, 2015