SPIELZEUG: Barbie und Teddy hören mit

Die Hersteller smarter Spielzeuge versprechen, die emotionale Intelligenz der Kinder zu steigern. Doch die Sorge besteht, dass diese Geräte die Kinder abhören und auslesbar machen.

Adrian Lobe
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Gespräche mit Barbie über einen Server werden bis zu zwei Jahre gespeichert. (Bild: PD)

Gespräche mit Barbie über einen Server werden bis zu zwei Jahre gespeichert. (Bild: PD)

Adrian Lobe

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@tagblatt.ch

Manch ein Kind hat an Weihnachten ein smartes Spielzeug erhalten: smarte Teddybären, die auf Fragen und Bewegungen der Kinder antworten, Raupenfahrzeuge, die sich per Smartphone durch die Wohnung steuern lassen. Oder Barbiepuppen, die sich über das Internet updaten und Geschichten erzählen.

Der Smart Toy Bear des US-Spielzeugfabrikanten Fisher Price wird vom Hersteller als ein «interaktiver Lernfreund» gepriesen, «der redet, zuhört und erinnert, was Ihr Kind sagt und sogar antwortet, wenn man mit ihm spricht». In dem 100 Dollar teuren Teddybär steckt mehr Hightech als in manchem Handy. Der smarte Bär ist mit einer Stimmerkennungssoftware ausgestattet sowie mit einer Bilderkennung, die das Kind automatisch erkennt. Beschleunigungssensoren, die auch in Handys verbaut sind, sorgen dafür, dass der Teddy reagiert, wenn man ihn anstupst. Zudem kennt der Bär die genaue Tages- und Uhrzeit und aktualisiert sich automatisch über WLAN.

Beginn einer wahren Freundschaft

«Je mehr Ihr Kind mit dem Smart Toy spielt, desto mehr wird sich dieser erstaunlich pelzige Freund anpassen, um personalisierte Abenteuer zu kreieren, die beide von ihnen lieben werden», verspricht der Hersteller. «Es klingt wie der Beginn einer wahren Freundschaft, eine, die Ihrem Kind hilft, sozial und emotional aufzuwachsen.» Smart Toys gelten als moderne Lernspielzeuge, die das Storytelling simulieren und die Entwicklung des Kinds voranbringen. In einer Welt virtueller Assistenten müssten Kinder frühzeitig an die Technik herangeführt werden, heisst es.

Doch nicht jeder ist davon begeistert. Die Sorge ist, dass diese smarten Geräte Kinder abhören und auslesbar machen. Die intelligente Puppe «Hello Barbie» des amerikanischen Spielzeugherstellers Mattel war im vergangenen Jahr Gegenstand kontroverser Diskussionen. In die Barbiepuppe ist am Nacken ein Mikrofon integriert. Jedes Wort, dass das Mikrofon aufgreift, wird über WLAN an eine Serverfarm von Mattel weitergeleitet und dort von Spracherkennungsalgorithmen ausgewertet. Daraufhin antwortet die Puppe mit einer Auswahl aus rund 8000 Dialogsätzen. Die Gespräche werden bis zu zwei Jahren gespeichert. Die Befürchtung ist, dass diese Daten weitergegeben und zu Werbezwecken missbraucht werden.

Vor allem an der Datensicherheit gibt es Zweifel. Dem US-Sicherheitsforscher Matt Jakubowski gelang es, die smarte Puppe zu hacken. Mit einem technischen Kniff konnte er problemlos auf diverse Funktionen zugreifen, darunter Netzwerknamen, Audiodateien und das Mikrofon. «Es ist nur eine Frage der Zeit, den Server auszutauschen und die Puppe sagen zu lassen, was immer wir möchten», sagte Jakubowski gegenüber dem Sender NBC.

Die Organisation «Campaign for a Commercial Free Childhood» hat eine Social-Media-Kampagne unter dem Motto «Hell No Barbie» lanciert und Eltern zum Boykott des Produkts aufgerufen. «Wir waren sehr besorgt über die Idee eines Spielzeugs, das die Konversationen von Kindern aufzeichnet und speichert», sagte Direktor Josh Golin der Fachzeitschrift «New Scientist». Es sei ein Eindringen in die Privatsphäre der Kinder. Das Geplapper liesse sich auch dahingehend analysieren, ob das Kind einen Sprachfehler hat. Wenn die Software ein Lispeln erkennt, könnte sie den Eltern einen Termin beim Logopäden empfehlen. Bloss: Was geht das den Hersteller an?

Die Frage ist auch, ob es die Vorstellungskraft von Kindern beeinträchtigt, wenn Puppen programmierte Antwortsätze ausspucken. Bei einer analogen Puppe muss sich das Kind in die Rolle der Puppe hineinversetzen und ein Gespräch ersinnen. Über das Rollenspiel kann das Kind seine Gefühlswelt ordnen und die Nutzung von Symbolen lernen. Bei smarten Spielzeugen fällt dieser Teil weg. Das Spielen wird vom Skript des Algorithmus gesteuert.

Kommerzialisierung der Kindheit

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers, emeritierter Professor an der ETH Zürich, kritisiert diese Lernspielzeuge. «Die Entwicklung steht im Zusammenhang mit der Kommerzialisierung der Kindheit und nutzt einfach neue technische Möglichkeiten», sagt er. Weder Eltern noch Kinder seien verpflichtet, sich diese Geräte anzuschaffen. Zu glauben, dass mit smarten Gegenständen die Intelligenz gefördert werde und dies umso mehr, je mehr man solche Geräte benutzt, sei ein Irrglaube. «Die Phantasie von Kindern lässt sich vielfältig anregen, im Zweifelsfall dient ein Kinderbuch dem mehr und besser als eine smarte Barbiepuppe», so Oelkers. Aber auch vor riesigen und deswegen unspezifischen Bedrohungen müsse gewarnt werden. «Alle bisherigen Prognosen von schlimmen Folgen der medialisierten Kindheit haben sich nicht erfüllt», konstatiert der Erziehungswissenschafter. «Kinder sind intelligenter als die Geräte.»